Trotzdem der Duden mir widerspricht … Trotzdem!

An diesem kalten Herbsttag mummeln Sie sich bitte ein, nehmen ein Glas feinen Tees, legen die Füßchen vor den Kamin, entspannen Sie bitte. Denn heute wird es etwas kompliziert – aber wie immer lehrreich fürs Leben. Ich mache Sie mit dem Wörtchen konzessiv vertraut. Und mit zwei Wörtchen, die Sie in Ihrem Passivwortschatz regelmäßig verwenden, und natürlich richtig, wie ich Sie einschätze. Mein Beitrag heute füttert also vornehmlich Ihre Chance, andere auf Fehler aufmerksam zu machen.

Los geht’s nach dieser pädagogisch wertvollen Einführung. Wir lesen …

Trotzdem er so früh vom Postbeamten geweckt worden war …

Und Sie stutzen. Post und Beamter? Ja, merkwürdig. Als es noch Beamte bei der Post gab, sagte man auch Bankbeamter und Italien spielte regelmäßig bei der WM mit. Aber darum geht es nicht.

Sie stutzen, weil das Trotzdem Sie juckt. Richtig?

Sie stutzen nicht? Dann sind Sie aus Süddeutschland oder Österreich. Dort übermundartelt man diesen relativ kapitalen Lapsus nicht nur über den Biertischen, die das Ausscheiden Italiens mit Häme begießen.

Lapsus. Ja, Lapsus. Und nun wird es schwierig. Wir haben es mit einem Konzessivsatz zu tun, einem Satz, der – wie es die lateinische Verb-Wurzel concedere, einräumen, zugestehen schon sagt – mit einer unerwarteten Wendung arbeitet.

Ich habe nicht damit gerechnet, aber ich konzediere Ihnen mal ein hohes Maß an Arbeitswillen.

Und nun formulieren wir diesen Satz einmal neu.

Obwohl ich nicht damit gerechnet habe, muss ich Ihnen … konzedieren.

Wir schauen auf einen wunderbaren Konzessivsatz. Bestnoten für: (a) Verwendung der Konjunktion obwohl, völlig richtig; (b) diese Konjunktion als Einleitung eines Nebensatzes. Ja, bravo. Und wir lernen, dass eine Konzessivsatz-Konstruktion am besten mit obwohl funktioniert (hallo, liebes wenngleich, liebes indes, liebes wiewohl, ihr seid auch nicht schlecht!) – und eben als Nebensatz.

Und nun schwenken wir zu trotzdem. Dieses Wörtchen ist eine Abverb, ein Adverb.

Trotzdem Italien gut gespielt hat, fährt die Squaddra nicht nach Russland.

Nein, nein. Das geht nicht. Sie sehen schon, hier wird ein Adverb zweckentfremdet. Es ersetzt obwohl, wiewohl oder was auch immer. Es steht zu Beginn eines Nebensatz. Nein, Frevel! Der Gottseibeiuns! Man fange ihn ein, bitte.

Als Adverb stehe trotzdem bitte nicht als Regent eines Nebensatzes. Versuchen wir es so …

Italien hat gut gespielt, trotzdem hat die Squaddra verloren.

Besser. Kein Nebensatz. Nur konzessiv gedacht. Alles verstanden?

Ich dachte, ja. Ich habe es verstanden. Und dann schaute ich mal in den Duden. Und siehe da, was machen die Jungs. Ich zitiere mit Zitterfingern:

trotz|dem <Konjunktion> [entstanden aus: trotz dem, dass ] (umgangssprachlich): obwohl, obgleich: Und Pinneberg lŠächelt mit, trotzdem er jetzt Šängstlich wird (Fallada, Mann 217); ich hab‘ die jungen Herrschaften auch gleich erkannt, trotzdem es ein bisschen dunkel ist (Th. Mann, Hoheit 47); Trotzdem ihm die Hšöhe zu schaffen machte, erstieg er den Montblanc (NZZ 29. 8. 86, 11).

Ich sage das selten: Lassen Sie sich durch den Duden nicht in satanischen Irren führen. Ich halte das nicht für ungangssprachlich, wie der Duden es bemerkt, ich halte es für falsch. Falsch. Und ja, da stehen Thomas Mann, Hans Fallada und die Neue Zürcher als Zeugen. Ich bleibe dabei …

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