Augen auf!

Aus meinen Alltag als Lektor: Ein Satz, ein eher touristischer Hinweis für den Süden Frankreichs, dort spielt das Buch. Die Dame will sich hüllenlos der Sonne aussetzen, sie fragt jemanden, und der gibt Auskunft. Übrigens, der Autor lebt als Künstler in der Gegend – und schreibt gerne. Welch ein Leben. Oder wie wir Franzosen sagen: Quelle vie!

Sie fragen sich jetzt, warum Sie heute mit diesem Bildchen konfrontiert werden. Was das Auffällige ist? Gute Frage, dann ging es Ihnen ähnlich wie mir. Schauen wir uns den Satz noch einmal an …

Aber immerhin gibt es einige wenige Naturalistenstrände ganz in der Nähe …

Nun, Naturalisten sind Künstler, sie hängen dem Naturalismus an. Schauen Sie mal, diese Stilrichtung gibt es in der ω Literatur und in der Malerei. Wikipedia hilft Ihnen weiter.

Gemeint sind aber Naturisten, jene Menschen, die sich am Sperrschild des FKK-Strandes, am Spanner-Block-Sichtschutz, die Klamotten vom Leib reißen und bei der EiscremeEincrem-Industrie besonders beliebt sind, weil sie deutlich mehr Stellen einzucremen haben mit Sonnenschutzfaktor 105.

Warum ich das heute so betone? Weil diese Textstelle der Autor gefühlt zweihundert zwanzig Mal gelesen hat, weil ich sie zwei Mal gelesen habe, weil meine Korrekturleserin sie ein Mal gelesen hat – weil sie bei mehr als zwanzig Lese-Vorgängen durch drei Leuten durchgerutscht ist. Weil es niemand bemerkt hat. Weil nicht mal beim Einschalten des Korrekturprogramms diese Stelle auffiel. Weil das Auge und das Hirn zu träge sind, so etwas zu bemerken.

Und nun die berechtige Frage der engagierten Leserin Else-P. Neu-Gierig: Und welcher geniale Gedanke in Ihnen hat Sie dann dazu verleitet, diese Stelle dennoch auszutrüffeln und als Fehler gewaltig zu brandmarken?

Danke für die Frage, gnädige Frau. Das war sehr einfach. Ich korrigierte gestern Abend ein Wort eine Zeile oberhalb des inkriminierten Worts. Lies den Blick schweifen. Las nebenbei ein Buch eines naturalistischen Autors und schaute auf Arte eine Doku über naturalistische Malerei. Und fragte mich dann beim letzten Schluck aus der Flasche Bomme de Château Traite, Cuvée superieure, Appellation Controllé, 1997, welch dummer Zufall diese drei Rezeptionen zusammengeführt hatte: Buch – Arte – Lektorat.

Dann machte es hick … ähh klick.

So kam das.

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