Fräulein Polly Tesse, zum Diktat, bitte!

Die Bundespolizei, las ich neulich, suche dringend Nachwuchs (m/w/d). Sie habe dafür die Anforderungen an die Kandidatinnen und auch Kerle herabgesetzt. Bei der Fitness verlangt man das eine oder andere Hanteltraining nicht mehr en suite und auf dem Niveau eines Preisboxers. Und auch der Deutsch-Test falle einfacher aus, ω steht hier.

Das las ich doch mal nach. Also, welche Anforderungen müssen Sie erfüllen, um beim Eignungstest zur Bundespolizei im Deutschen zu reüssieren? Müssen Sie dieses Angeber-Verb richtig schreiben? Nein. Die Anforderungen wurden nur leicht nach unten geschraubt.

Die Lernziele sehen Sie im Bildchen. Das muss der Nachwuchs können.

Lesen Sie mal das Diktat. Ich habe ein paar Fehlerchen eingebaut. Naja, ich habe es Ihnen nicht leicht gemacht, das ist ja kein betreutes Korrektorat hier, das ist Korrektorat Stufe B, von drei möglichen. Finden Sie alle Fehler?

Hier geht es los. Schnippschnapp.

Im Netz steht das Dankschreiben des Innenministers an die Bundespolizei anläßlich des Castoreinsatzes vom November 2010, in dem er alle Beteiligten für ihr verantwortungbewusstes Engagement lobt, das den Rechtsstaat in vorbildlicher Weise repräsentiert habe. Im Internet kommentieren aber auch Atomkraftgegner stolz ihre Fotochronik/Photochronik des Widerstands auf Schiene und Straße und veröffentliche neue Appele für künftige Castorproteste. Nicht nur, dass seit 50 Jahre Atomkraftwerke radioaktive Abfälle produzieren, für die es keine sichere Entsorgung gibt, die Entscheidung der Bundesregierung, die Laufzeit für Atomkraftwerke zu verlängern, brachte noch mehr Leute auf die Barrikaden, als in der Vergangenheit. Die Befürworter des Endlager Gorleben geben zu, dass es ein riesiges Versäumnis war, nicht mehr in die Öffentlichkeitsarbeit investiert zu haben und Skeptiker nicht in das Projekt einzubinden. Wie und wo sollen sich die Gegner angemessen und vernehmbar artikulieren? Selbst die kommunalen Parlamente der betroffenen Region können nicht mitentscheiden, da alle atomrechtlichen Verfaren dem Bundes- und Landesrecht unterliegen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung im Nachhinein hat auch einen Preis. Beim Castoreinsatz 2010 bezifferte er sich auf 25 Millonen Euro allein für den Polizeieinsatz.

Hier ist es fertig. Schnippschnapp.

Na, haben Sie es? Morgen löse ich auf …

2 Kommentare zu "Fräulein Polly Tesse, zum Diktat, bitte!"

  1. Leif-Ove Murayama | 23. Januar 2020 um 12:23 | Antworten

    Ich versuch’s mal:

    „Im Netz steht das Dankschreiben des Innenministers an die Bundespolizei anläßlich des Castoreinsatzes vom November 2010, in dem er alle Beteiligten für ihr verantwortungbewusstes Engagement lobt, das den Rechtsstaat in vorbildlicher Weise repräsentiert habe.“
    1. „Anläßlich“: anlässlich. Ein Eszett steht – die Namen ausgenommen – nur nach langen Vokalen und Diphthongen.
    2. „[…] in dem er alle […]“: „Er“ bezieht sich streng genommen auf Castoreinsatz, wodurch der Satz keinen Sinn ergibt. Gemeint ist der Innenminister. Um eine Wortwiederholung im Satz durch ein zweites „Innenminister“ zu vermeiden, könnte stattdessen etwa der Name des Innenministers stehen. Ich nehme an, er wurde zuvor in diesem Text erwähnt, deshalb genügt an dieser Stelle der Nachname.
    3. „Verantwortungbewusstes“: Das Fugen-s fehlt: verantwortungsbewusstes.
    4. Der Satz ist mit über 30 Wörtern zu lang, um leicht verständlich zu sein. Deshalb würde ich daraus zwei Hauptsätze schneidern: „[…] vom November 2010. Darin lobt [Personenname] alle Beteiligten für ihr verantwortungsbewusstes Engagement, das […]“

    „Im Internet kommentieren aber auch Atomkraftgegner stolz ihre Fotochronik/Photochronik des Widerstands auf Schiene und Straße und veröffentliche neue Appele für künftige Castorproteste.“
    1. „Fotochronik/Photochronik“: Beide Schreibweisen sind korrekt, der Duden bevorzugt die Schreibung mit F. Der Autor sollte sich für eine entscheiden.
    2. „Veröffentliche“: Man schenke dem Verb ein finales n.
    3. „Appele“: nur mit Doppel-l.

    „Nicht nur, dass seit 50 Jahre Atomkraftwerke radioaktive Abfälle produzieren, für die es keine sichere Entsorgung gibt, die Entscheidung der Bundesregierung, die Laufzeit für Atomkraftwerke zu verlängern, brachte noch mehr Leute auf die Barrikaden, als in der Vergangenheit.“
    1. „Jahre“: Der hier geforderte Dativ Plural lautet „Jahren“.
    2. Zur besseren Strukturierung und folglich auch Lesbarkeit würde ich statt des Beistriches nach „gibt“ einen Doppelpunkt setzen und danach groß weiterschreiben. Dadurch sind außerdem die Probleme der Satzlänge und Verschachtelung passé.
    3. Der Beistrich nach „Barrikaden“ ist falsch. Korrekt wäre er nur, wenn „als“ einen Nebensatz einleiten würde. Dazu müssten jedoch nach „als“ ein Subjekt und ein Verb folgen.

    „Die Befürworter des Endlager Gorleben geben zu, dass es ein riesiges Versäumnis war, nicht mehr in die Öffentlichkeitsarbeit investiert zu haben und Skeptiker nicht in das Projekt einzubinden.“
    1. „Endlager“: Das Genitiv-s am Wortende fehlt.
    2. Zweiter Satz in Folge, der einen mit „dass“ eingeleiteten Nebensatz enthält. Schöner wäre beispielsweise: „Die Befürworter des Endlagers Gorleben geben zu: Es war ein riesiges […]“ Dadurch liest sich auch dieser Satz flüssiger, und er wird einfacher verständlich.

    „Wie und wo sollen sich die Gegner angemessen und vernehmbar artikulieren? Selbst die kommunalen Parlamente der betroffenen Region können nicht mitentscheiden, da alle atomrechtlichen Verfaren dem Bundes- und Landesrecht unterliegen.“
    „Verfaren“: Das stumme h fehlt: Verfahren.

    „Das Recht auf freie Meinungsäußerung im Nachhinein hat auch einen Preis. Beim Castoreinsatz 2010 bezifferte er sich auf 25 Millonen Euro allein für den Polizeieinsatz.“
    1. „Millonen“: Das i nach dem Doppel-l fehlt.
    2. Betonung: Um deutlicher herauszustellen, dass die 25 Millionen Euro nicht alles waren, würde ich einen Gedankenstrich vor „allein“ setzen.

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