FINALE

Sinnlos, Worte und Wörter zu verlieren. Habe oft genug auf diesen Tag verwiesen. Das ist der letzte Beitrag. Ich trete ab von der Bühne. Und es hat gut getan. Im Bildchen sehen Sie die Verkörperung dessen, was mich zehn Jahre lang beschäftigt hat: in einem Satz. Vor einiger Zeit habe ich mal geschrieben, ich hätte es manchmal mit extremer Doofheit im direkten Umfeld zu tun. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich will diese Beispiele nicht endlos auf eine Schnur ziehen.

Aber in diesen zehn Jahren habe ich eine Stärkung folgender Positionen festgestellt. Und nein, ich kann das empirisch nicht belegen.

  • Der Duden hat Vorschlagsrecht, mehr nicht.
  • Es ist vollkommen egal, wie man etwas schreibt. Hauptsache, man versteht mich.
  • Die Scham, öffentlich Rechtschreibfehler zu machen, klingt ab.
  • Die Bereitschaft, lange über eine Formulierung nachzudenken, bis man die beste für seine Sprach-Situation hat, klingt ab.
  • Des geschätzten Wolf Schneiders Motto ω  Einer muss sich quälen, entweder der Schreiber oder der Leser verraucht im Wald.

Klingt das resigniert? Kann sein, soll es aber nicht sein. Ich bin nicht resigniert. Ich mach den Laden nach zehn Jahren einfach dicht. Was bleibt, das sehen Sie, ist die Sammlung der Homonyme, der ich mich jetzt verstärkt widmen werde  – indes ohne den Druck, werktäglich etwas abliefern zu müssen. Ein gutes Gefühl, ehrlich gesagt.

Ihnen danke ich für zehn Jahre Aufmerksamkeit, für Lob und Tadel, für manche gute Unterhaltung. Ich wünsche Ihnen nur das Beste,

Ihr Michael Lohmann

… der hofft, dass Sie noch zusehen, wie mit der heutigen finalen Ausgabe die Zahl der Homonyme auf über eintausend gleitet.

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In eigener Sache
Die tägliche Gabe an Homonymen endet hier. Mehr als eintausend. Heute: Sieben-Spänner: 2; Sechs-Spänner: 1, Fünf-Spänner: 1, Vier-Spänner: 2

__________ 26 TAGESFRISCHE HOMONYME __________

  1. realisieren (etwas zu Geld machen) vs. realisieren (einen Plan umsetzen) vs. realisieren (falsch gebraucht im Sinne von: etwas begreifen, reiner Anglizismus: to realize.) 
  2. verlegen (Bücher) vs. verlegen (etwas. Ja, wo isses denn?) vs. verlegen (peinlich berührt sein mit knallroter Birne) vs. verlegen (Termin, zeitlich,  örtlich)  vs. verlegen (das Rohr muss ins Erdreich) vs. verlegen (das Laminat neu aufflammeln) vs. verlegen (sich, auf ein bestimmtes Fachgebiet). Mit Dank an Klaus H. und Herta B. für einen befreiten Sieben-Spänner.
  3. erhaben (die Art der Könige) vs. erhaben (eine Schrift, die sich als Relief auf dem Briefpapier abhebt)
  4. Belchen (Berg im Südschwarzwald) vs. Bällchen (Lewandowkis Spielgerät in der Ausgabe für die Krabbelstube). Geht direkt zu den Geografischen.
  5. Korn (Weizen, Gerste und Co.) vs. Korn (Struktur einer Oberfläche; die hat zu viel Korn) vs. Korn (mit Bruder Kimme Teil des Visiers) vs. Korn (Startschuss der Alkis: „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken!“). Und noch ein bettunkener Vier-Spänner.
  6. scheren (tut man Schafen an, wenn zu viel Wolle lockt) vs. scheren (tut man niemandem an, wenn einen nichts mehr angeht. „Das schert mich nicht!“)
  7. Hofstaat (die ganzen Schergen um die Macht) vs. Hofstaat (umgangssprachlich, wenn jemand komplett übermäßig elegant angezogen ist: „… der in seinem Hofstaat …“)
  8. vorbei (geht man) vs. vorbei (erkennt man, wenn etwas unwiederbringlich aus ist)
  9. einlassen (die Tür öffnen, sodass Menschen strömen können) vs. einlassen (juristisch etwas begründen: „Der hat sich sehr klug eingelassen …“)
  10. Viola (Vorname) vs. Viola (Musikinstrument) vs. Viola (Pflanze). Geht stantepede zu den Namens-Homonymen.
  11. Auftrag (mit einer Aufgabe beschwert werden) vs. Auftrag (die Art, wie die Kosmetikerin Botox einreibt)
  12. unterziehen (das Hemd kommt unter den Pullover) vs. unterziehen (man nimmt eine Aufgabe an, man unterzieht sich ihr) vs. unterziehen (Eischnee unter die Masse schneebeseln)
  13. besorgen (einkaufen gehen) vs. besorgen (einen Auftrag durchziehen im Namen von jemandem) vs. besorgen (es sich: masturbieren) vs. besorgen (sich um etwas Sorgen machen.) Und noch ein besorgter Vier-Spänner.
  14. Botschaft (vertritt Länder im Ausland) vs. Botschaft (sehr oft: die frohe …)
  15. Lache (die Art, wie jemand lacht; sie hat ’ne schrille …) vs. Lache (tritt einer hinein, es platscht und alle lachen)
  16. anlegen (Geld zwecks Vermehrung nach Panama leiten) vs. anlegen (mit Kimme, aber auch mit Korn das Kitz anpeilen) vs. anlegen (mit dem Bötchen an den sicheren Steg) vs. anlegen (den Verband um den Arm) vs. anlegen (sich in die Parade-Uniform samt Orden begeben) vs. anlegen (sich mit jemanden in Streit begeben) vs. anlegen (einen Säugling  an die Bruststation docken). Ein stramm stehender Sieben-Spänner. 
  17. verhängen (einen Raum verdunkeln zum Dia-Vortrag über Raumverdunklung) vs. verhängen (tut die Richterin mit einem Urteil) vs. verhängen (nicht ganz ernst gemeint: wenn Henker oder Kurator einer Ausstellung ihrer Profession nicht ganz lege arte nachkommen)
  18. festsetzen (jemanden verhaften) vs. festsetzen (etwas macht sich manifest, Schmutz auf dem Ärmel beispielsweise) vs. festsetzen (sesshaft werden) vs. festsetzen (eine Strafe wird verkündet) vs. festsetzen (ein Gedanke, der einen nicht mehr loslässt). Ein schwächelnder Fünf-Spänner.
  19. Blechen (Dativ Plural von hartem Material) vs. blechen (umgangssprachlich für: etwas bezahlen). Na ja … der hakt gewaltig.
  20. Auflösung (das Heer im Rückwärtsgang) vs. Auflösung (eines Rätsels)
  21. mitgehen (sich jemandem anschließen) vs. mitgehen (begeistert sein) vs. mitgehen (lassen: die Edel-Boutique mit zwei Hosen verlassen, ohne die neue an der Kasse vorgezeigt zu haben)
  22. Gang (Teil eines Hauses) vs. Gang (die Art zu gehen) vs. Gang (Speisefolge. „Darf ich den zweiten Gang servieren?“) vs. Gang (Ganoven-Rottung) vs. Gang (Schaltwagen-Hebel legen den ein) vs. Gang (regelmäßiges Bewegtsein, einer Uhr beispielsweise, aber auch der Dinge). Und noch ein bewegender Sechs-Spänner.
  23. aufbrechen (eine Auster, ein Herz, ein Bret oder ein Gefängnis) vs. aufbrechen (losgehen)
  24. geradeaus (immer der Nase lang, bitte) vs. gerade aus! (der Kellner um 22 Uhr auf die Frage nach eine Vier-Gang-Menu)
  25. Ensemble (eine Gruppe von Kunstgegenständen) vs. Ensemble (gut zusammenpassende Kleidung)
  26. Sammlung (dies hier, vieles zusammentragen) vs. Sammlung (sich in etwas versenken)

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Homonyme auf deutschmeisterei.de – Der Stand der Dinge
Ich habe die Homonyme abgekoppelt von den täglichen Geschichten. Die Sammlung (siehe letztes Wort, Beitrag 26) ist abgeschlossen. Stand heute: 1.009. Das Haupt-Homonyme-Geschehen finden Sie auf einer eigenen Seite mit der URL https://www.deutschmeisterei.de/homonym_total/ oder auch ω Homonyme_total. Die Sammlung wird aber nach Ende des täglichen Tagebuchs deutschmeisterei.de erhalten bleiben.

8 Kommentare zu "FINALE"

  1. Schade, Herr Lohmann, wirklich schade.
    Ich kenne Ihren Blog zwar noch nicht so lange, doch werde ich Ihre Beiträge sehr vermissen.

    Hoffentlich gehen Sie nun zu etwas Gutem über – mit viel Freizeit, Ruhe, dem ein oder anderen Gläschen Wein und was Ihnen sonst noch so gefällt.

    Machen Sie’s gut!

    Peter R. Horak

  2. Tach Herr Lohmann,

    tja, nun ist es unwiderruflich soweit: Die Deutschmeisterei stellt ihren Betrieb ein und nun stehen wir Konsumenten da – kurze Hose, Holzgewehr – und gehen der regelmäßigen Beschau bundes- und weltweiter Verfehlungen der deutschen Sprache auf immer verlustig.
    Mir werden sie fehlen, die immer wieder erstaunlichen Fundstücke, deren Zahl leider Gottes auch Legion ist. Zeugen sie doch von einer erschreckend wachsenden Ignoranz, seiner Muttersprache den ihr gebührenden Respekt zu zollen.
    Sprachschludrigkeit, Bequemlichkeit, Trägheit im Denken und die in hohem Maße bei der schriftlichen Kommunikation beteiligten elektronischen Medien tun ihr Bestes, diesen wabernden Sumpf kontinuierlich zu erweitern.
    Schade! Wir werden es wohl nicht verhindern können.

    DANKE für dieses Blog! Es hat mich immens gefreut, den einen oder anderen Beitrag beigesteuert zu haben.
    Wohin jetzt mit den eklatanten Beispielen, über die man künftig stolpert, weil man einfach nicht wegsehen kann?

    10 Jahre Permablog sind eine veritable Leistung!
    Nochmals danke dafür und für Sie künftig viele entspannende, mit gutem Wein und Essen garnierte Momente.

    Herzlichst
    Klaus Heyne

  3. Tief Luft holend und zu einer langen Lobhudelei ausholend, reduziere ich doch auf ein hochkonzentriertes:
    D A N K E !

  4. Lieber Herr Lohmann !
    Auch wenn Sie die Deutschmeisterei nicht mehr aktiv mit Beiträgen bestücken werden, hoffe ich doch, dass wir – Ihre Fangemeinde – noch eine Weile auf der Webseite stöbern können und sie nicht gleich vom Netz genommen wird.
    Zum Abschied schenke ich Ihnen noch einen 7-Spänner: „verlegen“: eine Rolle Teppichboden oder eine Heimwerker-Packung Laminat findet nach der Anwendung des Verbs ihren Platz auf dem Zimmerboden.
    Ihnen alles Gute aus Österreich !
    Liebe Grüße Herta

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