Völlig überzogen

Das ist aber auch ein verdammt schwieriges Wort. Ich korrigiere mich gleich mal, ich korrigiere meinen ersten Satz: Das ist ein verdammt schwieriges Wort seit … sagen wir mal … 1995. Vorher war es ein Allerweltswort. Ich vermute mal, dass 95 Prozent der Deutschen es richtig geschrieben haben, ohne nachzudenken. Doch dann beherrschte ein anderes Wort die Szene und die Emaille wurde nicht mehr gebraucht. Die E-Mail verdrängte die Emaille. Stimmt das so?

Darum geht es heute. Und weil Emaille vielleicht nicht mehr gebraucht wird, sinkt die Zahl derer, die es richtig schreiben. Selbst unter Emaille-Profis …

Unsere widerstandsfähigen und langlebigen Email-Seifenschalen werden in Deutschland gefertigt.

Das wär doch was: Wir legen unsere elektronische Post erst einmal in Schalen, bevor wir sie verschicken. Ich nenne diese Schalen dann Orte des Nachdenkens darüber, ob diese elektronische Post wirklich ihr Ziel erreichen muss.

Aber finden wir doch erst einmal auf, was das wirklich ist. Und woher es kommt, dieses Wort. Ich darf das Wörterbuch der Deutschen Sprache DWDS zitieren: Emaille f. glasartiger Schmelzüberzug’, mit der Miniaturmalerei um 1700 aus frz. émail m. ‘Schmelzglas, emailliertes Stück’ übernommen. Diesem geht afrz. esmal, auch (mit Suffixwechsel im Anschluß an die Pluralform esmauz) esmail voraus, eine Entlehnung aus dem Germ., wohl aus anfrk.*smalt, das zu dem unter schmelzen (s. d. und Schmalz) dargestellten Verb gehört. Im Dt. gilt im 18./19. Jh. zunächst Email n.; im 19. Jh. überwiegt das Fem. Emaille, während das Neutrum zur Gegenwart hin auf den Süden begrenzt wird. emaillieren Vb. ‘mit Emaille versehen’.

Ein glasartiger Schmelzüberzug also über Metallen. Haben wir es. Und was wir auch haben, ist die Erkenntnis, dass Email (dann aber im Neutrum, bitte. das Email) ebenfalls vollkommen richtig ist. Die Emaille, also die vielleicht elegantere, weil französische(?) Schreibung soll die häufigere sein.

Ach, schreiben Sie es doch, wie Sie wollen …

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In eigener Sache
Die tägliche Gabe an Homonymen ziehe ich weiter durch. Jeden Tag zehn. Indes: Allmählich gehen mir die Homonyme aus. Wahrscheinlich schaffe ich es nicht, bis zum Ende dieses Tagebuchs am 29. Juli 2021 in 8 verbleibenden Beiträgen mit jeweils 10 tagesfrischen …  Oder doch, wird sich zeigen.

__________ 10 TAGESFRISCHE HOMONYME __________

  1. Urban (männlicher Vorname, bei Päpsten sehr beliebt, insgesamt gab es 8, einen in Avignon, den letzten 1644) vs. urban (urbanes Wort für „städtisch“, in Abgrenzung zu rural). Geht direkt zur Vornamens-Sammlung in der langenListe.
  2. abdecken (etwas zudecken, vor zu viel Neugierde, Tuchlupfern oder Verfall bewahren) vs. abdecken (nach der Orgie wird der Tisch wieder als Tisch benutzt; es wird abgedeckt)
  3. anbeten (knien in der Kirche oder vor der Dame des Herzens) vs. an Beeten (Gartenzustandsbericht: Das Areal ist reich an Gärten). Mit Dank an Klaus H.
  4. gedenken (an einen Toten erinnern und dabei des Genitivs gedenken bei der Verwendung) vs. gedenken (etwas zu tun beabsichtigen – auch auch nicht – in der Hochsprache: „Ich gedenke nicht, mich Ihrer auch zwei Monaten noch zu gedenken“)
  5. billig (kostet nicht viel, ist eher minderwertig. Auch: Vorname eines Herrn Jakob) vs. billig (etwas ist billig und recht, es ist nur gut und fein, auf jeden Fall rechtlich und anständigerweise geboten). Hier haben wir wohl das Phänomen des Janusworts. Ein Wort, das sowohl „schwarz“ bedeuten kann als auch „weiß“.
  6. anhalten (da steht der Herr Wachtmeister auf der Straße mit der Kelle und macht unzweideutige Zeichen) vs. anhalten (die Krise dauert fort) vs. anhalten (jemanden auffordern, etwas zu tun: „Ich halte Sie definitiv an anzuhalten“)
  7. Magnet (zieht an) vs. mag net! (Gör hat keinen Bock)
  8. Futter (mit „Studenten“ als Vorname eine Nussspeise; generell umgangssprachlich für Essbares, auch bei Tieren) vs. Futter (ist im Mantel und wärmt)
  9. Klauen (habe Tiere am Fußende) vs. klauen (haben Diebe in der Hand)
  10. Staubecken (hält Wasser zurück) vs. Staubecken (die Flusen überall im Zimmer, in jeder Ecke). Diese fantastische Wortpaar ist leider nicht von mir; gefunden auf dashoefer.de)

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Homonyme auf deutschmeisterei.de – Der Stand der Dinge
Ich habe die Homonyme abgekoppelt von den täglichen Geschichten. Ich werde nur noch 10 Homonyme pro Tag neu erscheinen lassen. Stand heute: 903. Das Haupt-Homonyme-Geschehen finden Sie auf einer eigenen Seite mit der URL https://www.deutschmeisterei.de/homonym_total/ oder auch ω Homonyme_total.

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