Das Vier-Augen-Prinzip

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Hin und wieder lese ich Geschichten anderer, korrigiere sie und sage den Autoren, was sie besser machen könnten. Sie sehen hier den Ausdruck aus einem Roman, den ich gerade bearbeitet. Ich sage nicht, um wen und was es sich handelt, da das Werk noch nicht erschienen ist.

Ich will hier weniger auf das Werk eingehen, sondern auf die eigene Blindheit. Gestern Abend las ich diese Passage zum vielleicht fünften Mal. Und es fiel mir endlich auf.

Was? Genau dies:

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Sie sehen das natürlich sofort. Sie haben auch nicht vorher 24 Seiten im gleichen Duktus und in gleicher Manuskript-Form gelesen,  und Sie sind es gewohnt, in diesem Blog auf Fehler hingewiesen zu werden.

Worüber reden wir hier? Über falsche  Kongruenz. Über das Thema Kongruenz* hatte ich mich in diesem Blog schon geäußert– es geht um die grammatikalische Übereinstimmung von Zahl, Geschlecht und Fall, schauen Sie bitte nach. Hier: Der falsche Bezug im Relativatz auf das Bezugswort. Das Bezugswort ist hier nicht Geschichte, das Bezugswort ist Zeitpunkt.

Sie haben eben richtig gelesen: Ich habe diese Passage schon vier Mal gelesen. Und jetzt erst, beim fünften Mal, fällt mir der Fehler auf. Ist das ungewöhnlich? Ja. Aber es passiert. Niemand sollte Schriftliches, das von vielen gelesen werden soll, ohne kontrollierende Augen eines anderen veröffentlichen – es sei denn, er liegt keinen Wert darauf, möglichst fehlerfrei zu sein.

Aus eigener Erfahrung mit dieser Art des Korrigierens weiß ich aber auch, dass man nicht alle Fehler findet. Etwas vier Mal gelesen zu haben, um dann erst einen dicken Hund korrigieren zu können, ist in der Tat ungewöhnlich. Waren es vielleicht die Nachwirkungen der Narkose von Freitag (blättern Sie einen Tag zurück!)? Der Rotwein am Abend? Das immer noch leicht pochende Knie? Da helfen Entschuldigungen wenig, da muss man sich zur eigenen Unzulänglichkeit bekennen – und froh sein, den Fehler vor der Veröffentlichung erkannt zu haben.
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Non scholae … Unterm Strich was fürs Leben
* Aus aktuellem Anlass eine kleine Ergänzung zum Thema Kongruenz. Das Olympia-Team der ARD meldet: ... kein bisschen Nebel oder Regen, das in die Halle tröpfeltHier bezieht sich das Relativwort das auf das bisschen – dies geht gar nicht. Es ist ja nicht ein bisschen, das in die Halle tropft. Es ist Regen oder Nebel. Das bisschen ist lediglich ein Wort zur unbestimmten Mengenangabe, ein sogenanntes indeklinables Indefinitpronomen. Bestimmt dieses Wort ein anderes näher – so wie hier Regen oder Nebel –, sollte es nicht als Bezugswort benutzt werden. Gibt es kein Beiwort, kann sich der Relativsatz auf bisschen beziehen: Das bisschen, dass ich sehe, reicht mir nicht aus …

Achtung: Das Bisschen, das der Hund verschlang …  Sie lesen es richtig: Das bisschen ist nichts anderes als ein kleiner Bissen. Geht es aber tatsächlich um einen kleinen Bissen, muss der großgeschrieben werden.

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