Reifezeit

Dieses Bildchen hatte ich mir auf die Halde geschoben, als ich ansonsten bis über die Haarwurzel im Treibsand namens Arbeit steckte. Es stammt aus der Zeit, als im Bundestag die Ehe für alle diskutiert wurde, Quelle: Spiegel online, kurz: Spon. Nun ist die Zeit gekommen, sich des Bildchens anzunehmen. Oder wie wir Sprachschnösel sagen: Die Zeit für eine Befassung damit ist mehr als reif.

Nehmen wir eine andere Szene, ein anderes Genre. Die Literatur. Dominiks Lachen war mehr als omnipräsent.  Heißa, diese Dominik aber auch. Lacht nicht nur aus Herz und Haft, sondern zeigt ein Lachen, das einerseits voll der Zahnputz-Werbung dienlich sein könnte – und andererseits auch noch weltweitüberall ist. Nein, das wäre ubiqitär.

Auch falsch. Dominiks Lachen ist mehr als omnipräsent, aus omnis, all(es), und praeesse, zur Hand sein, im Lateinischen. Ja, und wo dann? Wenn mehr als allüberall und immer in der ersten Reihe? Was ist das, wie geht das? Oder meint der Autor so etwas wie Dominiks Lachen füllte den Raum?

Sie merken schon, reiner Dumpfsinn. Wir haben es hier mit einer Floskel zu tun. Die man eben so dahinsagt. Und ich will Ihnen es auch nicht nehmen, beim Grillen morgen Abend der Gastgeberin zuzuraunen: Ilsebill, deine Hacksteaks à la Woodpecker chinoise waren mehr als größte Kochkunst. Ilsebill wird dann nachsalzen, denke ich.

Aber wenn jemand Zeit hat, über seine Wörter und Worte nachzudenken … wie der Spiegel-Überschriften-Macher.

Die Zeit ist mehr als reif …

heißt ja nur, dass die Zeit gekommen ist. Dass etwas lange überfällig ist. Dass etwas endlichst(!) passieren möge – wie Nachdenken über Floskeln. Hätten die Spiegel-Leute mal tun soll. Die Zeit ist mehr als reif, über die Floskel mehr als nachzudenken. Nein, wir beschließen jetzt, die Floskel mehr als aus dem geschriebenen Wortsatz zu streichen.

Upppsss, ich nehme es zurück, liebe Spiegeler. Ist ja ein Zitat. Hat also einer aus dem Bundestag gesagt. Der darf das. Der darf so schwallen in übersteigertem Ausdruck. Sind wir gewohnt.

2 Kommentare zu "Reifezeit"

  1. Leif-Ove Murayama | 19. Juli 2017 um 14:36 | Antworten

    Nomen est omen
    Sie dürfen das dem Bundestagler nicht verübeln. Er kann nicht anders, er heißt Panhistor, samt Vorname: Super Panhistor.

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

*Anzeige: Die Seite enthält Links zu mehreren Webseiten, auf denen Sie Bücher bestellen können. Hierbei handelt es sich um Werbung. In eigener Sache zwar, aber Werbung bleibt Werbung, weshalb ich Sie an dieser Stelle darauf hinweise.