Möglichstunlösbarste Ratlosigkeit

Wenn ich meinem wunderbaren Hauptberuf als Lektor weltliterarischer Gehversuche nachgebe, müssen sich die Autoren an ein Abkürzungssystem gewöhnen, das ich als Glossar dem Werk voranstelle. Ich will ja nicht immer schreiben müssen: Ich habe Ihre Tatsachenbehauptung geprüft, die Aloysiustraße in Garmisch-Partenkirchen hieß 1867 Kärrnerweg. So was zum Beispiel. Ich schreibe einfach dran TAT für Tatsache oder UNTAT für: stimmt nicht, noch mal überprüfen.

Zwei andere Abkürzungen lauten KILLPASS und KILLRELATIV; sie stehen für: Ich habe den Relativsatz ins Weltall geschickt, respektive gekillt, wahlweise das unfeine Passiv.

Diese Vorrede ist nötig, um den heutigen Beitrag zu verstehen. Ich möchte KILLRELATIV an diesen Satz schreiben …

Ihre geringe Körpergröße hatte sie dazu veranlasst, den Sitz in die vorderste Position zu bringen, die möglich war.

Upps, Quellenangabe fehlt. Gil Robieros Lost in Fuseta, erschienen bei KiWi, hatte ich schon ω mal, nämlich hier.

Ich hätte hier korrigiert in …

Ihre geringe Körpergröße hatte sie dazu veranlasst, den Sitz in die vorderstmögliche Position zu bringen.

Und schon sehe ich mich dem Unmöglichen(!) ausgesetzt. Der Duden schweigt. Er lässt das nicht zu. Er lässt es nicht zu, die beiden Adjektive vorderste und mögliche zu einem Adjektive zu kneten. Oder sie zu begreifen wie blau-grau oder meinetwegen eine Wortart zu einer anderen zu schinden, um die beiden zusammenzupatschen. Dabei hielt ich meine Idee für vielleicht abwegiges, aber durchaus gutes Deutsch. Für die vielleicht bestmögliche (was der Duden durchaus als Adjektiv aufführt). Und nein, wir haben bei vorderstmögliche keine Doppelung der Steigerungsformen wie bei bestdenkbarste oder größtmöglichste.

Dann dachte ich, es gelänge mit dieser Analogie: Wenn bestmöglich möglich, dann auch vorderstmöglich. Und holte die Geheimwaffe aller heraus, die in grammatischen Nachschlagewerken scheitern. Ich gab den Suchbegriff in (male dictu!) Google ein. Dieses Wort hätte doch mal irgendwo geschrieben sein müssen.

Hier lesen Sie das Ergebnis. Und nun rufe ich die Schwarmintelligenz. Stehe ich so derart auf dem Schlauch? Denkfehler am Montagmorgen?

4 Kommentare zu "Möglichstunlösbarste Ratlosigkeit"

  1. Leif-Ove Murayama | 23. Juli 2019 um 8:23 | Antworten

    Ich hätte genau so wie Sie korrigiert und sehe ebenfalls keinen Grund, weshalb „vorderstmöglich“ kein Wort sein sollte. Die Regel zur Bildung eines solchen Adjektivs lautet schließlich Superlativbasis + möglich, und „vorderster“ ist ein Superlativ. In der Alltagssprache wird „vorderstmöglich“ jedenfalls gebraucht. Es gibt nur einen Unterschied zwischen den oben genannten Beispieladjektiven „gut“ und „groß“ und dem „Problemkind“ „vorderer“: Im Gegensatz zu den anderen Adjektiven besitzt es keinen Komparativ (siehe etwa: https://de.wiktionary.org/wiki/vorder). Doch ob das der Grund ist, weshalb „vorderstmöglich“ kein Wort sein soll …
    Um auch etwas Konstruktives in diesem Beitrag unterzubringen: Ich hätte darüber hinaus in diesem Satz gegen die Pronomen „ihre“ und „sie“ etwas einzuwenden: Beide beziehen sich auf Holly Hunter, obwohl die Schauspielerin hier wohl kaum gemeint sein dürfte. Aber Genaueres könnte ich nur sagen, wenn der Satz vorher vollständig gewesen wäre; theoretisch könnte durchaus Hunter gemeint sein, die den Sitz nach vorne schob. Ich würde aber eher auf Rosado tippen, die vermutlich Graciana mit Vornamen heißt. Am „vermutlich“ ist erneut zu sehen: Es fehlt an Kontext.

  2. Guten Abend Herr Lohmann,

    ich habe gerade Ihren Beitrag von heute gelesen und fand es auch äußerst seltsam, dass Google tatsächlich zu irgendetwas schweigt. Das ist praktisch unmöglich, und deshalb werden Sie auch fündig, wenn Sie es mit „vorderstmögliche“ statt „vorderstmöglich“ probieren:

    https://www.google.com/search?q=vorderstmögliche&oq=vorderstmögliche&aqs=chrome.0.69i59j69i60j69i61.7227j0j4&client=ms-android-sonymobile-rev1&sourceid=chrome-mobile&ie=UTF-8

    Wieso das so ist und weshalb man auch mit vorderstmöglich* nichts findet, kann ich mir allerdings auch nicht erklären.

    Warum aber sollte man das Wort „möglich“ hier nicht einfach streichen?

    So klingt es doch irgendwie schlanker:

    „Ihre geringe Körpergröße hatte sie dazu veranlasst, den Sitz in die vorderste Position zu bringen.“ Punkt.

    Die vorderstmögliche Position ist in diesem Zusammenhang eben die vorderste Position, oder stehe ich nun auf dem Schlauch?

    Beste Grüße und einen schönen Abend

    Carolin Weber

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