Entschachelt

Na, die haben es aber auch nicht leicht, die Politiker, gerade in diesen Tagen, in denen unverhofft Hinz Pleti und Kunz Pleti die Tagesschau und Anne Will schauen, weil Politik plötzlich wirklich jeden wirklich sehr direkt betrifft. Darf ich im Biergarten saufen? Darf ich ins Heim wegen Oma und Erbe? Darf ich nach Malle? Wegen Saufen oder mit Oma nach Malle wegen Saufen und Erben. Solche Fragen halt. Der deutsche Alltag.

Und wenn man einer von vierzig Millionen Virologen (sozusagen umgeschulte Bundestrainer) ist, die alles besser wissen: Was kostet mich das, wenn ich mit Oma und ihren Zellengenossinnen im Heim heimlich saufe? Solche Fragen halt. Der deutsche Alltag.

Unser aller Außenminister Heiko M., derzeit abgetaucht, weil … was will der mit Außenpolitik … reisen darf der ja nicht. Heiko M. also hat vor einigen Wochen in seiner Langeweile zwischen Masken ausprobieren, Videos von den Malediven schauen und um einen Termin bei Markus S., dem König von Bayern, bitten einen Satz losgelassen, den auch noch die Parteispitze exekutiert.

Wir werden auch die Möglichkeiten, die wir haben, um anderen Ländern zu helfen, nutzen.

Herrgott, hilf! Das ist Geschachtel, das schachtelt so heftig, dass es schon wieder schachtelt. Ich bin sensibel dafür, weil ich derlei Sätze aus Manuskripten ziehe. Ich markiere sie mit dem Hinweis vH, für hängendes Verb. Und tatsächlich. In der Schachtel fällt irgendein Verb meist nach hinten weg, um dort zu verenden oder den Satz elendig enden zu lassen. Oft ist es auch nur der Bestandteil eines zusammengesetzten Verbs. Das arme Ding.

Sie meinen, ich labere mal wieder dummes Zeugs? Dann schauen Sie sich das mal an …

Wir werden auch die Möglichkeiten nutzen, die wir haben, um anderen Ländern zu helfen.

Das Verb anders positioniert. Und schon ist der Satz lesbarer.

Aber es geht noch besser.

Wir werden unsere Möglichkeiten nutzen, um anderen Ländern zu helfen.

Sie sehen schon: Aus Schachtel wird ein Relativsatz, einer, genau einer: die maximal zulässige Zahl von Relativsätzen pro Satzgebilde! Geht doch …

Gern geschehen, Herr Maas. Wird schon wieder, das mit dem Reisen.

2 Kommentare zu "Entschachelt"

  1. Dieses Phänomen des nachgestellten Verbes hatte weiland Mark Twain schon in seinem Aufsatz über „Die schreckliche deutsche Sprache“ herausgearbeitet:

    „Ein durchschnittlicher Satz in einer deutschen Zeitung stellt eine erhabene und eindrucksvolle Sehenswürdigkeit dar; er nimmt ein Viertel einer Spalte in Beschlag; er enthält alle zehn Wortarten – nicht in der üblichen Reihenfolge, sondern durcheinander; er ist überwiegend aus zusammengesetzten Wörtern gebaut, die der Verfasser an Ort und Stelle konstruiert hat und die in keinem Wörterbuch zu finden sind – (…) er behandelt vierzehn oder fünfzehn verschiedene Gegenstände, ein jeder eingeschlossen in eine eigene Parenthese, hier und da zusätzliche Parenthesen, die wiederum drei oder vier der kleinen Parenthesen einschließen, sodass Pferche innerhalb von Pferchen entstehen; schlussendlich werden sämtliche Parenthesen und untergeordneten Parenthesen zwischen zwei Königs-Parenthesen gezwängt, von denen die eine in die erste Zeile des majestätischen Satzes gesetzt wird und die andere in die Mitte der letzten Zeile – und d a n a c h f o l g t d a s V E R B, und zum ersten Mal erfährt man, wovon dieser Mensch eigentlich die ganze Zeit spricht; (…).“
    .
    .
    Des weiteren lässt er sich herrlich über die trennbaren Verben aus:

    „Die Deutschen haben eine andere Art von Parenthese, die sie bilden, indem sie ein Verb in zwei Teile spalten und die eine Hälfte an den Anfang eines spannenden Kapitels setzen und die andere Hälfte an das Ende. Kann sich irgendwer etwas Verwirrenderes vorstellen als das? Diese Dinger werden »trennbare Verben« genannt. Die deutsche Grammatik ist wie von Bläschen überzogen von trennbaren Verben; und je weiter die beiden Teile auseinandergerückt werden, desto zufriedener ist der Urheber des Verbrechens mit seiner Darbietung. Ein beliebtes ist reiste ab – welches departed bedeutet. Hier folgt ein Beispiel, das ich aus einem Roman entnommen und ins Englische übertragen habe:
    »Als die Koffer gepackt waren, REISTE er, nachdem er seine Mutter und Schwestern geküsst und noch einmal sein angebetetes Gretchen an seine Brust gedrückt hatte, die, in schlichten weißen Musselin gehüllt, mit einer einzelnen Tuberose in der Fülle ihres üppigen braunen Haars, kraftlos die Treppe herabgewankt war, noch immer bleich von dem Schrecken und der Aufregung des vergangenen Abends, doch voller Sehnsucht, ihren armen, pochenden Kopf noch ein letztes Mal an die Brust dessen zu legen, den sie inniger liebte als ihr eigenes Leben, AB.«“

    Auf YouTube liest jemand den Twain’schen Text vor. Sehr erheiternd:
    https://www.youtube.com/watch?v=omg_ApDBGmA

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