Die See-Igel

Ich schwör! Ich schwör! In neun Jahren, in denen ich dieses feine, kleine, nie prämierte Seitlein nun betreibe … in den sechs Jahren, in denen ich als Lektor die gute Butter aufs Graubrot legte und manchmal auch einen Wein trank, der teurer war als die ganze Tankfüllung eines Porsches … in den Jahren, in denen es mir mit Ihnen gutging also, marschierte so ein Kelch, wie Sie oben ahnen, an mir vorbei.

Welcher?, fragen Sie erstaunt, neugierig und leicht entrüstet.

Ich hatte nie mit extremer Doofheit am eigenen Leibe zu tun. Ich meine jene Doofheit, die aus den Zeilen spricht, die ich für Sie für heute aufbewahrt habe, Fundstelle: Facebook.

Aus diesen Zeilen spricht alles, was mich schnappatmen lässt:

  • miese Rechtschreibung (in diesen Zeiten sehr weit verbreitet, und wenn man sie darauf anspricht, kommen drei Antwort-Varianten: (1) die letzte Rechtschreibreform … (2) „Sie verstehen doch, was ich  meine …“ (3) „Der Duden hat auch nicht immer recht …“)
  • der Brustton der Überzeugung, ohne irgendetwas zu wissen (in diesen Zeiten sehr weit verbreitet, meist eingeleitet mit: „Ich meine ja nur …“ oder „Werd das doch mal sagen dürfen …“)
  • die Chuzpe, so etwas überhaupt öffentlich zu fragen (in diesen Zeiten sehr weit verbreitet, unter gleichgesinnt Doofen fällt so was gar nicht auf. Nur dass danach die Kenntnisreichen beschimpft werden: „Der Duden ist doch nur eine Option der Bundesregierung …“)
  • die (unterstellte) vorbehaltlose Anpassung an alles, was das Konto füllen möge (in diesen Zeiten sehr weit verbreitet, in denen jede Influenzerin über Influenza mehr weiß und das auch gegen Bares rausbrüstelt: „Hört mal, was ich denke …“)
  • die Herabwertung derer, die dieses Gewerbe, das schreiberische, ernsthaft und manchmal mit Schmerz, schlechtem Nachtschlaf und in finanzieller Not betreiben.

Basta.

Wie ich schon sagte: Ich hatte als Lektor manche Begegnung, meist am Telefon oder mit bildgebenden Verfahren, an die ich mit Schaudern zurückdenke. Dummheit gepaart mit Arroganz und würgenden Geiz als prägende Elemente vermiesen einem die Lebensfreude und die Freude an der Arbeit. Aber um ein – familiär gerade akut juckendes – Beispiel zu bemühen: Ich bin vielleicht mal in einen Seeigel, vulgo: See-Igel, getreten, aber nie auf einen Weißen Hai getroffen.

Dafür danke ich dem Herrn.

Ich spüre, Sie empfinden mich heute als salbungsvoll. Stimmt. Ich sage nun, am neunten Jahrestag dieser deutschmeisterei.de, dass die deutschmeisterei.de einen zehnten Jahrestag erleben wird. Aber keinen elften. Nach dem zehnten ist Schluss – in welcher Form auch immer.

2 Kommentare zu "Die See-Igel"

  1. Meinen herzlichen Glückwunsch zum Jahrestag!
    Auch heute haben Sie es erneut geschafft, mich mit einem Schmunzeln, Lächeln oder Grinsen in den Tag starten zu lassen. Ein herrlicher Beitrag zur aktuellen Situation der Verrohung unserer Sprache.

    Betrübt lese ich allerdings, dass es offenbar nicht ewig so weitergehen wird wie bisher. Der morgendliche, neugierige Blick auf „dieses feine, kleine, nie prämierte Seitlein“ wird mir sehr fehlen.

    Hochachtungsvoll und mit einer anständigen Verbeugung (den beinahe fehlende Hut habe ich flugs von der Garderobe herbeigezaubert) nochmals meine Glückwunsch zum besonderen Tag.

    Beinahe sonnige Grüße aus dem hohen Norden
    Matthias

    • Oh, danke, Matthias, das lese ich doch mit Freude. Ich verspreche, ich werde die verbleibenden Beiträge (sagen wir mal 200) mit Verve an Frau und Mann bringen. Ihre Worte sind wahre Ermunterung Ermutigung. Vielen Dank noch mal …

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