Ich weiß nicht genau, wie ich es Ihnen sagen soll …

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Heute feiern wir von Nürnberg aus den Nationalen Gedenktag der Anführungszeichen. Heißa! Wir gedenken der kleinen Zeichen, die wir immer wieder gerne einsetzen, um zu sagen: Uns ist, lieber Leser, nichts Besseres eingefallen als das Wort, das wir geschrieben haben. Ja, mei … Beide Beispiele habe ich heute aus meiner Heimatzeitung, der Nürnberger bezogen, beide Beispiele lagen zwei Seiten auseinander.

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Wir wissen, lieber Leser, – so spricht das Anführungszeichen weiter – dass wir da fehl am Platze sind, aber irgendwie … ja, mei. Was soll’s? Passt scho …!

Passt eben nicht. Anführungszeichen sollten stehen bei (1) wörtlicher Rede, (2) Anführungszeichen sollten stehen, wenn in einem Satz ein längerer Begriff als zusammengehörig gekennzeichnet werden soll, dessen Anfang und Ende sonst nicht klar wird – die Premiere des „ASX 576 Newton Passabel Irreparabel Web 2.0“ –, (3) und Sie dürfen stehen, um in einer Art Binnen-Benamsung einen Eigennamen zu kennzeichnen: Billy „Das Untier“ Liebreiz. Sonst haben diese Zeichen in Texten, die etwas auf sich halten, nichts zu suchen.

Die Kollegen von der Tagespresse wissen nicht genau, wie sie eine Zusammenkunft von Menschen in NVA- und Stasi-Unform nennen sollen. Also nennen sie dies Aufmarsch in Anführungszeichen. Nun, ein Aufmarsch ist ein militärischer Begriff; er sagt, dass Menschen in Uniform zusammenkommen. Aufmarsch ist das passende Wort.

Die Kollegen von der Tagespresse wissen nicht genau, wie sie Westler – genauer: Bürger der alten Bundesländer – nennen sollen, die für die DDR spioniert haben. Wessis, so nehmen sie an, sei arg umgangssprachlich, aber jeder kennt den Ausdruck. Also setzen sie Wessis in Anführungszeichen – wohl auch um Menschen abzugrenzen von den bellenden Wessis, den Westhighland-Terriern, oder? Oder nennen geplagte Mittsechzigerinnen ihre Schoß-Genossen Westies?

Die Kollegen von der Tagespresse wissen nicht genau, wie sie es nennen sollen, dass die brutale Herrschaft von Joseph Kony viele Leidende in den Alkohol gezwungen haben. Sie sagen, dass die Menschen trinken – aber da der wohlerzogene und politisch korrekte Westler als solcher im Hinterkopf hat, dass Alkohol keine Lösung sei, setzen sie hilft in Anführungszeichen. Dieser Satz (man nennt ihn Dachzeile des Artikels) ist in sich so verschroben, dass er in meinen Augen vollkommen neu getextet werden muss, so zum Beispiel: Alkoholismus als Zuflucht gegen die Kriegstraumata. Das war mein erster Versuch, und schon der ist besser, finde ich. „Finden“(!) Sie das auch?

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