Angst machen gilt nicht

140515_Nottaufe02Sie sehen den Ausriss aus einem Manuskript, das für andere zu lesen ich derzeit die Freude habe. Sie sehen ein seltenes Wort. Das Wort heißt nottaufen. Ein Verb. Ein Verb, über dessen Schreibweise im Infinitiv kein Zweifel besteht. Aber was passiert, wenn man dieses Wort konjugieren, also in die Flexion bringen muss? Wenn die beiden Wortbestandteile, das Substantiv und das Verb, auseinandergerissen werden?

Ich gebe zu, ich musste nachschauen. Warum kann es nicht heißen Man taufte mich not.? Weil es sich komisch anhört? Weil es sich komisch liest? Nein, weil es einfach so ist.

Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel mit demselben Substantiv. Das Verb notleiden. Sagen Sie Ich litt Not.? Oder sagen Sie Ich notlitt.?

Reingelegt! Es gibt kein Verb notleiden. Es gibt nur ein Verb leiden, dem man die Not zugesellt hat. Auch wenn manche, wie Sie es auf dieser Seite sehen, noch immer nach dem Verb suchen und es schon einmal konjugiert haben: aufs Abenteuerlustigste und in sich konsequent.

Zurück zur Nottaufe und dem Verb dazu. Das ist auch verdammt komplex. Diejenigen, die sich mit diesem Phänomen tagtäglich an Universitäten auseinandersetzen, reden von trennbarem und untrennbaren Verben. Welche getrennt werden und welche nicht, welche also mit dem Verb als Verb zu einem verschmelzen – und auch so flektiert werden –, muss man lernen.

Beispiele Eislaufen – sie läuft Eis; Leidtun – es tut mir leid; kundgeben – wir geben kund; nottun – es tut not; standhalten – wir halten stand; wundernehmen (ein wunderbares Verb gar, wenn mir dieser Einschub erlaubt ist) – es nimmt uns wunder. Die wunderbar weisen Leute von canoo.net dazu: Die Nomen haben ihre selbstständigen Worteigenschaften verloren oder werden gar nicht mehr als Nomen erfahren.

Indes, wer legt das fest? Wollen Sie es genauer wissen? Dann lesen Sie doch bitte dies: Es erklärt manches.

Und nun einige Gegenbeispiele Angst haben – ich habe Angst; Klavier spielen – Auto fahren – Probe fahren – Probe singen – Schlange stehen – Ski laufen. Ja, Sie lesen richtig, ein probefahren gibt es nicht, es gibt auch kein skifahren. Man geht davon aus, dass diese Nomen so stark sind, dass sie als Nomen erhalten blieben müssen. Sie sind nicht verblasst.

Und das machen Sie nun bitte einmal einem Türken klar, der Deutsch lernen will. Viel Spaß!

2 Kommentare zu "Angst machen gilt nicht"

  1. Da braucht man keinen Türken dazu, um bei dieser Art von Rechtschreibung auch als Muttersprachler zu verzweifeln.
    Ich habe bisher keine plausible Erklärung für „verblasste Nomen“ gefunden, das Nomen also als Verbzusatz verstanden wird.
    Warum haben eislaufen, kopfstehen, pleitegehen u.a.m. verblasste Nomen?
    Hier hätte die neue Rechtschreibung eine 100%-Lösung bringen können: Verbindungen aus Nomen und Verb werden ALLE getrennt geschrieben.

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