Lautstark im Passiv, mutmaßte er

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Lesen Sie erst einmal. Namen habe ich wie immer geschwärzt, weil ich weder Buch noch Autorin schaden möchte. Es ist das erste Kapitel eines veröffentlichten Romans, den ich nach den ersten Sätzen schon nicht mehr weiterlesen würde.

Warum? Weil ich das starke Gefühl habe, hier wird nur die Geschichte vorangetrieben, ohne jede Überarbeitung – und die Sprache und das Gefühl für sie kippen mittenmang den Bach runter und verrecken elendig, spätestens vier Seiten weiter.

Schiefes Bild und starker Satz? Ja, beides. Ersteres, um Sie morgens zu erfreuen oder den Kopf schütteln zu lassen. Zweiteres sollte ich belegen. Dann mal los!

(1) Der Hauptkommissar im ersten Satz poltert gut gelaunt (das darf er!) durch die Hintertür zur Küche hinein. So weit, so fein. Und was noch? Er macht das lautstark. Aha. Himmel, wie poltert man leise? Dieses Adverb ist nicht nur flüssig, es ist überflüssig. Meine Gottväter aus der Duden-Redaktion definieren poltern so: mehrmals hintereinander ein dumpfes GerŠusch verursachen, hervorbringen. Geräusch, dumpf. Noch Fragen? Und bitte, wer morgens zur Tür hereinschneit, eben beim Bäcker war – erkennbar an der Tüte –, der bringt Brötchen. Dass sie frisch sind, davon gehe ich mal aus. Darf man also auch getrost streichen …

(2) Der Hauptkommissar ist offensichtlich jüngst Vater geworden. Die Kleine schläft seit zwei Tagen durch, sagt er. Und weil der frische Leser das nicht weiß, denkt sich der Autor, dies sei der passende Moment, über das Nachkommen zu berichten: … freute sich der Hauptkommissar, der vor vier Monaten im fortgeschrittenen Alter von einundfünfzig noch einmal Vater geworden war. Ich sage es gern noch einmal, in noch fortgeschrittenerem Alter und ebenfalls Vater: Der Nachgang zu einer wörtlichen Rede, Fachdeutsch: Inquit, hat nie nimmer nicht mehr zu tun als etwas zu sagen, zu antworten, zu erwidern, zu meinen – also mit Verben zu arbeiten, die etwas mit Sagen zu tun haben. Punkt. Die Kleine schläft seit zwei Tagen durch, sagte der Hauptkommissar. Das reicht. Alle anderen Informationen in einen eigenständigen Satz, bitte.

(3) Und das unsägliche Passiv im letzten Satz. … wurde alle zwei Stunden nach dem Schafen gesehen, auch nachts. Jedes Passiv (nun gut, neunzig Prozent der Passivkonstruktionen) sagt vor allem eines: Der Autor hat sich vor einem Täter gedrückt. Er war zu faul – nachlässig – denkträge – satzneubauunwillig, den Handelnden zu nennen. Und hier haben wir ja keine anonyme Massen, aus deren Mitte die Schafkümmerer stammen. Hier geht es ja wohl um einen kleinen Kreis.

1 Kommentar zu "Lautstark im Passiv, mutmaßte er"

  1. Gelesen! Und ja, das ist alles richtig. Vater Duden nickt dankbar, soll ich ausrichten.

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