Nachhilfe in der Schein-Bar

Früher, als das Fax noch erfunden werden musste und Bill Gates regelmäßig die Sandburg von Steve Jobs mit Schäufelchen attackierte, bestand Nachrichtenjournalismus aus Klebstoff, Schere, Papier und Juli. Der Volontär (also ich, Badische Zeitung, Freiburg) riss die Blätter aus dem Fernschreiber (ja, die Rattermaschinen gab es in einem eigenen Raum, sehr laut, mal erklären lassen, ihr iPhone-Wischer*I_nnen), der Redakteur schnitt (Schere) das was aus, was bedruckt werden sollte, kommentierte und verband es mit eigenen Worten (Kuli), klebte (Kleber) es auf Papier (sic!) – und ab ging das Blatt zum Setzer. Sobald es als Druckfahne vorlag, lasen mindestens zwei Kollegen (plus ein Volontär, ich) es noch einmal und korrigierten es. Bis der Korrektor am Zuge war. So war das.

Heute gibt es den Focus. Die Online-Ausgabe des Blatts hat niemanden mehr, der die Meldungen (verantwortet von einem Praktikanten oder einer – gegendert –Volontärin, nicht ich) gegenliest. Man neigt dazu, Meldungen anderer Boulevard-Zeitungen zu kopieren, zwar mit Quellen-Angabe, aber schon so heftig, dass Bild beispielsweise sich schon öffentlich über Copy+paste à la Focus Online beschwert hat.

Jessica ist verschwunden. Sie ist fünfzehn. Steht da in Klammern. Steht weiter oben, ich gebe es ja zu. Aber für Focus steht es so weit oben, dass überhaupt keine Zeit bleibt, es weiter unten in der Meldung anzupassen.

Mal abgesehen vom Satz-Chaos.

Scheinbares Alter von 16 Jahren.

Wissen Sie, was da passiert ist? Oben lesen Sie den aktuelleren Teil des Nachrichten-Stands. Unten die Übernahme der Polizeimeldung. Vier-Augen-Prinzip? Zu teuer. Zeit ist Geld, Mann! Und die beiden Praktikantinnen (scheinbare achtzehn und scheinbare neunzehn Jahre alt, 400-Euro-Basis plus Tramkarte, aber freier Eintritt in die Schein-Bar P1 in München) können doch mal wirklich was leisten für ihr Geld. Oder?

Und nun noch ein Wort zu scheinbar. Scheinbar ist eines der Mist-Wörter des Deutschen, ihr Praktikantinnen. Bis ihr den Sinn dieses Worts nicht im Schlaf beherrscht, kommt es nicht mehr vor, einfach streichen, bitte – oder durch augenscheinlich ersetzen.

Scheinbar wird immer dann richtig genutzt, wenn man dazudenken kann: Sieht so ist, ist aber nicht, ätsch!

Scheinbar ist ein echtes Ätschibätschi-Wort!

Ihr versteht das nicht? Dann noch mal für Focus-Leser: Ein Mädchen von fünfzehn Jahren kann nicht scheinbare (wir erinnern uns: sieht so aus, ist aber nicht!) sechzehn Jahre alt sein. Wäre Sie vierunddreißig, sähe aber aus wie fünfzehn – das ginge.

Und noch etwas, ihr Nachwuchs-Schreiber: Dieser Text ist eine Nachricht. In einer Nachricht sollte es keine wertenden Wörter geben, auch wenn ihr das so denkt.

… verlief leider ohne Erfolg.

Nett gedacht, aber gehört hier nicht rein.

Ab ins P1 – zum Üben!

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