Kann das raus oder ist das Kunst?

Meine Kernkompetenz(!), liebe Leserinnen und Morgens-auf-die-deutschmeisterei-Warter, besteht darin, Ihnen adäquat(!) lösungsorientiert(!), zeitnah(!) und dementsprechend(!) nachhaltig(!) Unterhaltsames anzubieten, das Sie eventuell(!) vielleicht(!) proaktiv(!) auf dem nächsten privaten Meeting prozessorientiert(!) launchen(!) können.

Sie haben recht. In mehr als acht Jahren des Deutschmeisterns habe ich (hoffentlich!) nie ein solch Dumm-Gequirltes geschrieben. Ich habe mir den Satz eben mühsam aus den Fingerchen, dem Hirn und der Tastatur gesaugt, um Sie ins Thema zu führen.

Ich mache einen Umweg. Lesen Sie mal ω Ferdinand von Schirach, egal was. Schauen Sie sich an, wie der mit Sprache umgeht. Bei von Schirach gibt es kein Gramm Fett, nichts Überflüssiges. Jeder Satz ist abgehangen. Jeder Satz ist drei Mal umgeschrieben. Jeder Satz ist auf das reduziert, was er sagen will. Und nur auf das. Punkt.

Das kann man völlig humorlos nennen, das kann man goutieren. Der Erfolg gibt dem Autor, Jurist von Hause aus übrigens, Recht. Im Endeffekt(!) aber ist mir kein populärer Autor deutscher Zunge bekannt, der diese Schnörkellosigkeit derart auf die Spitze treibt. Meine eigene(!) Meinung: Nach zwanzig Seiten von Schirach steige ich aus und sehne mich nach sprachlich barockem Kitsch.

Ende der Vorrede. Ich habe ein Bildchen gefunden auf Facebook, das gewiss nicht alle Worthülsen aufführt. Aber ein paar. Nett gemacht. Es gibt derer Hunderte (von-Schirach-Minuspunkte für diesen Satz: 10; der professionelle Wortstreich(l)er würde schreiben: Es gibt Hunderte davon).

Beim Schreiben bemerken Sie diese Hülsen erst, wenn Sie nach einem Satz beginnen, ihn zu zerlegen. (Von Schirach: … Hülsen erst, wenn Sie ihn zerlegen …)

  • Geht das einfacher?
  • Was kann raus?
  • Wie spare ich einen Relativsatz ein?
  • Ist wirklich jede Redundanz raus?
  • Kann ich aus den zweiundzwanzig Wörtern eben dieses Satzes fünfzehn machen, ohne den Sinn zu verändern?
  • Kann der Einschub weg?
  • Gibt es bessere Verben als die, deren zwei Bestandteile so weit auseinanderstehen, dass man Teil 2 suchen muss?
  • Hilft ein Punkt?

Ich gebe gebe Ihnen mal ein Beispiel, wahllos aus meiner Arbeit herausgegriffen:

Mit jedem Versuch, den sie unternahm, sich zu sortieren, kamen eher neue Ängste hinzu, die alles noch schlimmer machten.

Ich mache daraus:

Mit jedem Versuch, sich zu sortieren, kamen eher neue Ängste hinzu.

Begründung: Klar unternimmt sie den Versuch, sonst wäre es ja keiner. Zum ersten. Zum  zweiten: Neue Ängste machen es immer schlimmer.

So etwas kostet Zeit. Johann Wolfgang von Goethe (noch so einer mit Adelstitel) soll mal gesagt haben: Entschuldigen Sie die Länge meines Briefes; für einen kurzen hatte ich zu wenig Zeit. Oder so ähnlich. Und ich bin nicht mal sicher, ob es wirklich Goethe gesagt hat. Aber recht hat er.

Ich tauche jetzt ab. Ich muss den Faust mal auf von Schirach trimmen …

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