Sparchsnöden, Folge XI: realisieren

Schreiber und Sprecher machen Fehler, und wer hier welche findet, darf sie behalten. Es gibt indes Fehler, die immer wieder vorkommen. Auf diese dicken Hunde geht diese Serie ein, in loser Reihenfolge, also: immer, wenn mir danach ist, mal wieder den Herrn Besserwiss zu geben, den vermeintlich unfehlbaren.

Das ist die Fotographie einer Seite aus der FAZ vom Montag, Sportteil. Darin sagt Patrick Herrmann,  20 Jahre alt und Spieler von Borussia Mönchengladbach, dass er sich sehr darüber gefreut habe, das spielentscheidende 1:0 gegen Mainz geschossen zu haben. Er sagt das so: Ich bin immer fleißig und gehe immer an die Grenze. Aber im zweiten Bundesligaspiel gleich ein so wichtiges Tor – das muss ich erst einmal realisieren.

Muss er wohl. Ich hoffe, er kann diesen Treffer bei dem kommenden Vertragsverhandlungen realisieren, also: in Bares münzen. Im wirtschaftlichem Umfeld bedeutet realisieren in Geld umsetzen, umwandeln. Er realisierte seine Aktien bedeutet: Er setzte seine Aktien um in Euro.

Aber das meinte Herrmann wohl weniger. Er meinte: Ich muss das erst einmal verkraften – mir richtig vorstellen – es an mich herankommen lassen – zulassen, dass es mich wirklich berührt – verarbeiten. Er kann all dies gemeint haben. Aber er sagt: Das muss ich erst einmal realisieren. Zu etwas gewärtigen siehe unten*.

Etwas realisieren in diesem Satz  – das ist falsches Deutsch. Ein Anglizismus, ein versteckter, ein gemeiner. Die deutsche Alltagssprache, vorangetrieben von einer Horde BWL-Studenten, die mal in NYC urlaubten, nebst golfenden Florida-Heimsuchern oder dort ein Heim Suchenden, hat die englischen Konstruktionen I did not realise/realize it … it takes time to realize … try to realize! … geschluckt und als sprechbares Deutsch wieder ausgespuckt.

Fatal! Dass Heidi mit Heide in der Heide war, muss Heinz erst einmal realisieren – ich muss erst einmal realisieren, dass ich den Ironman gewann, untrainiert, wie ich war – er realisierte zu spät, dass er vergessen hatte, seinen Gewinn zu realisieren. Im letzten Satz ist ein Stück richtig. 

Sie glauben das nicht? Dann schauen Sie doch mal in das Oxford Dictionary und danach in den Duden. Oxford erklärt to realize so: become fully aware of something as a fact, also: sich etwas als Fakt bewusst werden, oder als cause to happen, also: etwas wird plötzlich wahr: … his worst fears have been realized …

Und der Duden: etwas, einen Plan, eine Idee in die Tat umsetzen: Ideen, Ziele, ein Programm realisieren. Das hat mit sich damit befassen oder richtig vorstellen können nichts zu tun. Nichts!

Der Duden macht aber leider auch den Weg frei für die falsche, die anglisierende Deutung: (in einem Prozess der Bewusstmachung) erkennen, einsehen, begreifen … In der vorherigen Ausgabe des Duden, der 23., steht das noch nicht. Und in meiner aus dem Jahre 1929 steht als Bedeutung nur: verwirklichen, zu Geld machen. Viel besser …!

Dichten wir also den Satz des Jungkickers eigenmächtig um, Entschuldigung, Herr Herrmann: … das muss ich mir erst einmal ins Bewusstsein rufen!

*Gewärtigen übrigens, das ich in der ersten Fassungs dieses Textes ebenfalls als synonyme Konstruktion vorschlagen wollte, lässt der Duden nur mit wenig positiver Zuschreibung zu: die ErfŸüllung eines bestimmten Anspruchs erwarten; sich auf etwas Unangenehmes einstellen. Passt also weniger …

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Dies ist Folge XI der Liste der Sprachsünden. Die ersten zehn finden Sie hier:
Das und dass X Das pur X Seit und seid X die Alternative X derselbe/dasgleiche X Extremst X Auf und zu X wieder und wider X Public Viewing X in kleinster Weise

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Abwehroffensive geld.de (10)
Dies ist letzte Folge der kleinen Serie; mit dieser spamme ich das alles mal in den Briefkasten der Leipziger. 

Über 70 Prozent der deutschen Haushalte haben ihr Hab und Gut mit einer Hausrat-Police abgesichert. Was viele nicht wissen: In Altverträgen lauern oft Fallstricke. geld.de schafft nicht nur Spam-Ärger, geld.de schafft es auch, dem Wort lauern einen neuen Sinn zu geben. Bisher, bis zum 22. Dezember 2011, konnten nur Menschen lauern oder Lebewesen, nun lauern auch Gegenstände jemandem auf. Die Mauer lauerte dem Ball auf; der Fallstrick dem Nicht-Versicherten, das Auto dem Unfallopfer, der brechende Ast dem Passanten. Also, geld.de, lauern geht nur mit Lebewesen, Menschen oder Tiere und so, oder mit dem Duden gesprochen: in feindlicher, hinterhäŠltiger Absicht (um jemanden zu üŸberfallen, jemandem Bšöses anzutun, um Beute zu machen) in einem Versteck sich verbergend, auf jemanden, etwas angespannt warten. 

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