L’equipe en fuite – das Personal auf der Flucht

Mal ehrlich, würden Sie auf dem Marktplatz einer fremden Stadt plötzlich vom Wunsch beseelt, etwas zu fotografieren, aufstehen, um allen zu zeigen, was Sie gerade tun? Ich kann das nicht. Ich schieße in Anführungszeichen – um die geht es heute – heimlich aus der Hand, nachdem ich mich an das Objekt der Begierde herangepirscht habe mit digitalen Mitteln, sprich: Zoom. So auch in Arles, Südfrankreich, gar nicht mal so lange her, Marktplatz nach Besichtigung des Theaters, mittags.

Langer Vorrede kurzer Gehalt (maskulin, siehe erstes Homonym heute): Erstens habe ich den Ort geklärt, zweitens die schlechte Qualität des Bildes, in Zeiten eines iPhone 11 eher verwunderlich, wohl der zittrigen Hand geschuldet.

Kleiner Exkurs, aus Gründen … Und da wir gerade so nett plaudern, werden Sie feststellen dass ich dieses Wort – geschuldet sein – hier zum ersten Mal verwende. Und womit? Mit Recht. „Geschuldet sein“ ist eine vollkommen neue Konstruktion, wobei „vollkommen neu“ geschätzt dreißig Jahre ausmacht. Das haben die geschäftstüchtigen BWL-ler aus den USA mitgebracht; schließlich brauchen sie irgendeine Übersetzung für das amerikanische „due to“. „Geschuldet sein“ ist nichts anderes als ein weiterer schlechter Amerikanismus. Daher habe ich es all die Jahre vermieden. Ende des Exkurses.

Neues Personal im kleinen Restaurant, eine Tafel weist darauf hin: changement d’équipe, die Neuen. Ich übersetze mal kurz. Wir lesen nacheinander den Chefkoch, den Beikoch (commis), die beiden Verantwortlichen für den Speisesaal und die Terrasse draußen und die Chefin über allem, die Directrice Marie-France.

Dabei heißt Marie-France gar nicht Marie-France, sondern Berta. Das soll nur die Steuerfahndung nicht wissen, die hier regelmäßig zu Mittag isst, was aber niemand weiß, nicht mal Berta. Überhaupt haben alle Verantwortlichen in Wirklichkeit anderen Namen. Adrien ist Gustave – Steeve heißt Lenny und kommt aus Chicago – Fabien und Lio sind das teilschwule Paar Hans und Grete aus Baden-Baden. So ist das.

Woher ich das weiß? Hab ich mir ausgedacht.

Aber warum sonst sollte man seinen Namen in Anführungszeichen setzen lassen. Weil er nicht stimmt, weil man sich davon distanziert, weil man mit denen nichts zu tun haben will. Weil sie allesamt krumme Biografien haben, diese Schlingel! Die sind – siehe Überschrift – alle auf der Flucht, Arles nur eine Zwischenstation zur Fremdenlegion im hundert Kilometer entfernten Aubagne.

Warum sonst?
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In eigener Sache
Die tägliche Gabe an Homonymen ziehe ich weiter durch. Jeden Tag zehn. Ich glaube, dass ich genug Homonyme auf der Halde liegen habe, um die 18 Beiträge bis zum Ende dieses Tagebuchs am 29. Juli 2021 ausstatten zu können – oder auch nicht, wird sich zeigen.

__________ 10 TAGESFRISCHE HOMONYME __________

  1. Gehalt (sächlich, steckt in der Tüte am Monatsende) vs. Gehalt (maskulin, steckt Sinn drin)
  2. Anlasser (startet den Motor per Knopfdruck) vs. Anlasser (jemand, der nie das Licht ausmacht). Mit Dank an Klaus H.
  3. Dichtung (formt der Literat) vs. Dichtung (formt der Klempner)
  4. Rücken (am Körper hinten) vs. Rücken (an Bergen oben, durchhängend) vs. rücken (ein Stück nach rechts oder links). Mit Hilfe von Klaus H.
  5. Sechser (im Lotto) vs. Sechser (auf dem Fußballplatz; Jo Kimmich gibt den defensiven Sechser)
  6. Saft (perlt aus gequetschtem Obst) vs. Saft (perlt aus der Batterie zum Stolz des Fahrers beim Tesla). Mit Dank an Klaus H.
  7. gemein (hinterfotzig, eklig, durchtrieben, unsozial sein) vs. gemein (sich bei allen anbiedern; Alfred macht sich gemein mit dem Abschaum der Stadt)
  8. anzetteln (Unruhe stiften) vs. an Zetteln (Menge Papier auf dem Schreibtisch). Mit Dank an Klaus H.
  9. abheben (zur Bank gehen ohne Waffe) vs. abheben (die Concorde auf dem Weg nach New York City) vs. abheben (gesellschaftlich nach ganz oben streben, als sei man so wichtig wie ω Carmen Geiss)
  10. Spargel (Gemüse in Weiß und Grün – von der Stange, dennoch teuer) vs. Spar-Gel (Haarwaschmittel für Knauser und andere Schwaben)

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Homonyme auf deutschmeisterei.de – Der Stand der Dinge
Ich habe die Homonyme abgekoppelt von den täglichen Geschichten. Ich werde nur noch 10 Homonyme pro Tag neu erscheinen lassen. Stand heute: 832. Das Haupt-Homonyme-Geschehen finden Sie auf einer eigenen Seite mit der URL https://www.deutschmeisterei.de/homonym_total/ oder auch ω Homonyme_total.

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