Schreib’s klein!

Ist eh alles merkwürdig, was derzeit passiert mit dem Virus. Die UEFA schleppt es massenhaft über den Kontinent und grinst dazu mit chinesischen – aus dem Reich der Mitte kommen die meisten Sponsoren – Schlitzaugen. Und der Brite, arg gebeutelt von der Krankheit, gibt in der kommenden Woche jede Vorsichtsmaßnahme auf. Das will mich nicht kümmern. Mich kümmert nur die Sprache.

Die Moskauer sollen also eine Woche zu Hause bleiben. Sie bekommen, so will es der Online-Spiegel

Coronafrei.

Und Sie sagen mir jetzt, zu welcher Wortart dieses Coronafrei gehört. Ich gebe mal einen kleinen Tipp: Dieses Wort ist ein Kompositum, eine Zusammensetzung aus einem Substantiv, Corona, und einem Adjektiv, frei.

Wir müssen uns das jetzt so vorstellen, dass das angehängte Adjektiv eine große Macht hat. Es zwingt dem Substantiv von hinten quasi den Adjektiv-Status auf. Ja, „Coronafrei“ ist ein Adjektiv. Und Sie schauen jetzt noch einmal kurz nach, was Sie in der Schule gelernt haben zur Schreibung von Adjektiven.

Richtig. Adjektive werden klein geschrieben, es sei denn sie stehen am Satzanfang. Das sagt auch in diesem speziellen Fall die Rechtschreib-Regel D59.1, auf die ich Sie gerne verweise.

Klein also, oder Sie folgen dem zweiten Beispiel, das ich auf der Pfanne habe, ebenfalls aus dem Online-Spiegel.

Halten wir aber fest erst einmal:

Moskauer bekommen eine Woche coronafrei

wäre richtiger gewesen.

Wir kommen zum zweiten Beispiel. Der Unterhaltungskünstler Otto wird interviewt und sagt …

Genau, auch das wird Ottoähnlich.

Hier verhält es sich etwas anders. Natürlich kann man auch aus einem Eigennamen, und Otto ist einer, ein komposiertes Adjektiv machen.

ottoähnlich

würde ich akzeptieren.

Aber es ist natürlich bei Weitem nicht so schön wie eine Kopplung, die schon das Aufeinandertreffen der beiden Vokale bedingen sollte.

Otto-ähnlich.

Und ich ergänze mal: Goethe-fixiert, Schiller-lockig, Wieland-windig. Lohmann-basiert. Walser-wütend.

In welch illustre Runde ich mich da geschlichen geschrieben habe …

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In eigener Sache
Die tägliche Gabe an Homonymen ziehe ich weiter durch. Jeden Tag zehn. Ich glaube, dass ich genug Homonyme auf der Halde liegen habe, um die 15 Beiträge bis zum Ende dieses Tagebuchs am 29. Juli 2021 ausstatten zu können – oder auch nicht, wird sich zeigen.

__________ 10 TAGESFRISCHE HOMONYME __________

  1. ausbauen (etwas größer machen, den Erfolg zum Beispiel: „Das Löwengehege müssen wir ausbauen – so viele Besucher!“) vs. ausbauen (etwas aus etwas herausnehmen: „Das Löwengehege müssen wir ausbauen – viel zu viele Proteste von Tierschützern!“)
  2. Stahl (knallhart, früher: nur gültig, wenn von Krupp) vs. stahl (dann entrissen Inder den Krupps den Weltmarkt: der „Fremde in der Nacht“ „stahl“ sich rein). Mit Dank an Klaus H.
  3. verkehrt (das muss genau anders herum, es sitzt falsch) vs. verkehrt (Manch einer ist froh, dass der Bus morgen pünktlich kommt –und nicht verkehrt verkehrt)
  4. Uhrzeit (liest man prächtig ab) vs. Urzeit (ganz früher). Mit Dank an Klaus H.
  5. Parkour (Hindernis-Strecke) vs. Parkuhr (Taxameter für Politesse und Politeur)
  6. versagen (eine Aufgabe nicht bewältigen) vs. versagen (sich etwas nicht gönnen: Den achten Espresso in einer Stunde versagte er sich)
  7. durchbrennen (wenn die Sicherung nicht mehr sichert, ist nichts mehr sicher) vs. durchbrennen (wenn bei Verliebten die Sicherungen durchbrennen, brennen sie durch – früher bis nach ω Gretna Green. Mit Dank an Melanie S.
  8. auftragen (macht das Personal, wenn Lordschaft zum Dinner bittet) vs. auftragen (jemanden bitten, etwas zu tun) vs. auftragen (das Hemdchen sitzt ein wenig zu eng auf dem dicken Wams, armes Hemdchen!) vs. auftragen (sich das Gesicht mit einer Tinktur aufhübschen, auch: dick) vs. auf Tragen (Fortbewegungsart der Kolonialherren in Deutsch-Südwest). Mit Hilfe von Klaus H. zu einem feinen Fünf-Spänner
  9. Bauer (auf dem Feld) vs. Bauer (auf dem Schachbrett) vs. Bauer (aus Babymund gestückelt) vs. Bauer (Platz fürs Vögelchen). Kommt auch bei deudeu, hier aber deutlich erweitert zu einem Vier-Spänner
  10. Muttermal (dermatologisch interessantes Fleckchen) vs. Mutter, mal! (verwöhntes Gör im Befehlston). Waren wir uns nicht einig, dass immer ein paar weniger ernst gemeinte die Chose aufhellen?

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Homonyme auf deutschmeisterei.de – Der Stand der Dinge
Ich habe die Homonyme abgekoppelt von den täglichen Geschichten. Ich werde nur noch 10 Homonyme pro Tag neu erscheinen lassen. Stand heute: 862. Das Haupt-Homonyme-Geschehen finden Sie auf einer eigenen Seite mit der URL https://www.deutschmeisterei.de/homonym_total/ oder auch ω Homonyme_total.

6 Kommentare zu "Schreib’s klein!"

  1. Ach Herr Lohmann, ich bin ja schon froh, dass sie nicht „Corona frei“ und „Otto ähnlich“ geschrieben haben.
    Der Trend geht ohnehin zu „Moskauer Bekommen Eine Woche Corona Frei“. Glauben Sie nicht? Schauen Sie auf YouTube nach. Sie Werden Nicht Glauben, Was Sie Sehen!

  2. Darf ich erklären? YouTube ist die perfekte Alternative, wenn Sie auf diesen (dieses?) Blog keine Lust mehr haben. Sie könnten Grammatiksünder shamen und roasten, ab und zu einen Myth debunken und schlechtes Deutsch viral downtaken. Die Follower würden’s Ihnen danken. Allerdings müssten Sie ihre Überschriften schon etwas catchier gestalten. Wie wäre es mit „Schockierende Erkenntnis Zur Kleinschreibung! Diese Entdeckung Wird Dein Leben Revolutionieren“?

    • Oha, das mache ich. Roasten passt zum Thema des Tages. Shamen finde ich auch crazy. Und es heißt, streng genommen: dieses Blog. Weil wir im Deutschen dem fremdländischen Wort jenes Geschlecht zuordnen, das dem naheliegendste deutschen Wort am nächsten kommt. In diesem Fall: weBLOG, Web-Tagebuch, das. Und das halten wir sehr, sehr konsequent durch. Wir sagen „die“ piazza (der Platz, und meinen wohl Pizza), und seit wir Übersetzungen von Kommissar Maigret lesen, fahren wir an „die“ Gare de l’Est in Paris. Und meinen damit „den“ Ostbahnhof, weil der Franzose dem „gare“ als solchen ein „la“ voranstellt. Oder so. Im Rahmen dieser Konsequenz dürfen Sie gerne „der“ Blog sagen, solange Sie es nicht so schreiben: Block. Rät Ihnen locker Ihr Blocker Lohmann …

  3. Nach nochmaligem Nachdenken stelle ich fest, dass „Otto ähnlich“ sogar ginge. „Auch das wird Otto ähnlich.“ Klänge nur seltsam, wenn er von sich in der dritten Person spräche.

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