Über das Gegenwärtige

Immer wenn Herr Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch (Bild©commons, Wikipedia) da auftaucht, wird es trocken. Manchmal muss das sein. Grammatik also.

Feuilleton steht darüber, und meine Mutter, gerade 85 geworden, höbe* nun an zu sagen, dass Feuilletonredakteure immer etwas gebildeter sein müssen als der Rest der Mannschaft: Die haben einfach mehr Kultur. Und mein Vater ergänzte: Kultur beginnt mit Verzicht – und der Gebrauch der Sprache trennt die Spreu vom Weizen. 

Die heutige Ausgabe der Nürnberger Zeitung – aus der stammt dieser Ausriss unten – lässt mich zweifeln an diesen simplen Zuteilungen. Doris Dörrie wird da vernommen, und Frau Dörrie sagt, dass Glück etwas sei, das in der Gegenwart gelebt werden müsse.

Ob das nun ein kluger Satz ist, stelle ich mal dahin. Und das ist hier auch einerlei. Mir geht es, Sie ahnen es!, um die Schreibweise von „gegenwärtig“.

Dröseln wir es der Reihe nach auf: Gegenwärtig ist ohne Frage ein Adjektiv. Adjektive schreibt man klein: das gegenwärtige Glück. Auch wenn aus dem Adjektiv ein Adverb würde, schriebe man es klein: Glück ist etwas, das gegenwärtig gelebt werden muss.

Aber in diesem Satz „Glück“ ist etwas gegenwärtiges macht man aus dem Adjektiv sehr eindeutig ein Substantiv. Da beißt die Maus gegenwärtig keinen Faden ab. Die Maus ist _ wer oder was? _ etwas sehr Tierisches. Die Maus ißt _ wen oder was? _ etwas sehr Verdorbenes. Die Maus kaut _ wen oder was? _ etwas ungeheuer Pelzigsüßes: Aus Adjektiv wird Substantiv*. Und Substantive schreiben wir groß, auch in der Überschrift über diesen Beitrag – über _wen oder was_? Das Gegenwärtige.
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Non scolae … Unterm Strich was fürs Leben
Um das noch einmal mit gelehrten Worten klarer zu machen, darf ich aus dem digitalen Duden zitieren: Substantivierte Adjektive und Partizipien werden großgeschrieben: „etwas Gutes“, „etwas ganz Neues“, „etwas nicht sehr ܆berraschendes“. Bei „nichts anderes“ ist neben der Kleinschreibung auch die Großschreibung (nichts Anderes) zugelassen, wenn betont werden soll, dass keine unbestimmte Mengenangabe gemeint ist.
Und ja, höbe ist der richtige Konjunktiv II zum starken Verb heben – hob – gehoben.

 

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