Alles bio oder was?

Im Bioladen gewesen. Kaufe dort immer Honig, aber eigentlich zu Zeiten, an denen es nicht voll ist.

Heute war es voll; fünf Kunden vor mir an der Kasse, an der jede Pastinake einzeln für gut befunden und gewogen wird, an der die Bio-Fachverkäuferin den Ingwer verabschiedet als seien sie lange ein Paar gewesen, der Herr Ingwer und sie, und an der die Möhren noch einmal auf Knackigkeit und Farbe befingert werden, bevor sie in eine Papiertüte wandern, mit deren Ausgangsmaterial man den Katalog von Hermès hätte drucken können.

Der Honig schmeckt hervorragend, kostet aber auch 6,99 Euro das Glas. Ich verweigere die Tüte regelmäßig. Hams auch an Plastiksäckla?, verkneife ich mir. Jaja, ich gestehe, ich trenne schon seit Jahren den Müll nicht mehr bio-und weltrettungskonform.

So stehe ich also an der Kasse und greife mir einen Prospekt des Ladens. Nur zur Erinnerung: Ich stehe immer noch im Bioladen!

Muss da eigentlich alles, was angepriesen wird, auch bio heißen? Alles? Bio-Süßkartofffeln, Bio-Paprika, Bio-Lauch, Bio-Dingsbumms. Bio-Senf, Bio-Mayonnaise? Bio-Lauch, Bio-Sesammus, Bio-Nussmuss. Bio bio bio bio bio bio bio, bi(o)s es auch jeder begreift.

Wenn ich in einem Laden für Walprodukte eine Prospekt mitnehme: Ist es dann nicht klar, dass alles Wal ist, ohne jede Wahl? Ist in einem Ziegenladen nicht alles Ziege? Muss ich betonen, was nicht mehr zu betonen von Nöten ist? (Fast wäre tonen ein Anagramm von Nöten!)

Habe noch Lachs mitgenommen. Bio-Lachs, 5,47 Euro für 100 Gramm. Wann ist Lachs bio? Wenn er im Jutetäschen geliefert wird (wird er nicht, dieser liegt in Plastik), nur Bio-Sesammus schnabuliert und ausschließlich Ungechlortes oder Wohlfühltee durch die Kiemen lässt, sein Leben lang? Und dann nicht getötet wird, sondern in die Jagdgründe (hier würde, maritimes Umfeld, auch Yachtgründe passen) gestreichelt wird …

Das Quintett vor mir ist erstaunlich entspannt. Der Typus pensionierte Akademikerin hat Zeit, grundsätzlich: Hey, wenn ich schon teuer und weltwertvoll kaufe, will ich auch individuell bedient werden! Wolle am Körper, blass, geldig, Schuhe ungeputzt aber warm, ein undefinierbares Schalgewirr aus Fehlfarben um den Hals, Haare grau, unauffällig und wenn länger als die praktische Fönfrisur, dann mit einer Klammer hochgebunden aus kanadischem Sturmbruchholz, das von Indianern geschnitzt wurde – alles passend zum unfarbenen Jutetäschchen, das jeder wie einen Ausweis mit sich führt.

Nur Frauen, bis auf einen Mann als Begleitung. Dessen Gestik mir sagt: Schau mich an, ich bin klasse, ich laufe nur bio und ich kaufe nur bio, ich bin der Gutmensch. War gestern noch auf einer Demo, dann als engagierter Ratgeber bei der Elternvertretung zum Thema makrobiotische Schulspeisung. Jetzt bin ich hier und begleite meine emanzipierte Frau, bin auch emanzipiert. Meinen Tee aus toskanischem Sanddorn und tansanischer Malve trinke ich jeden Abend nach dem Radl-Putzen, wenn wir gemeinsam Weltwertvolles lesen, damit wir uns austauschen.

Ich erkläre dem pensionierten Lehrer – Griechisch, Latein wahrscheinlich – innerlich den Krieg und gehe zu Enzo zum Espresso.

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