An seinem Öl mit crossem Teenie zu Buttergebratenem

Köche sollen kochen. Köche brauchen in ihrer Küche keinen Duden. Köche sollen Suppen rühren und nicht in Buchstaben. Gleichwohl gibt es jedes Instrument, mit dem einem Gast vermittelt werden muss, was der Koch kann. Wir nennen dieses Instrument Speisekarte.

Und wer schreibt die? Der Koch, wahrscheinlich.

Dass das Thema dieses Abends, das Candle-Light-Dinner, gekoppelt werden sollte zu einem Fünf-Gang-Candle-Light-Dinner, sehen wir nach; ebenso die Tatsache, dass die Rote Beete mit dem Beet weniger zu hat – und dabei besser Rote Bete hieße. Immerhin ist die Terrine doppelt ge-errt, und die Mousse au Chocolat* fast richtig.

Ich habe nicht gefunden, was eine Casulette ist, wahrscheinlich meint er eine Cassolette, eine bestimmte feuerfeste Form. Einerlei, wie das Zanderfilet kommt, es sollte in Butter gebraten sein und nicht in Buttergebraten.

Wir sehen also vieles nach, was aus der Küche kommt von Leuten, die nicht mit dem Duden unter dem Kopfkissen nächtigen. Was wir nicht mehr nachsehen: Wenn einer Crosstini hilflos vom englischen cross ableitet oder vom deutschen kross. Die Crostini kommen nun mal nur mit einem S, Herrschaftszeiten. Zwar haben sie etwas Krosses, aber das Wort rührt von der italienischen crosta, der Kruste.

So, die Crostini richtig etymologisiert und verzehrt habend, lösen wir einen Tusch aus. Denn in dieser Speisekarte gibt es ein Kürbiskremsüppchen mit ebendiesem Brot Crosstini und seinem Öl. Über dieser Wendung saß ich lange, das Denken überdauerte sogar die Involtini: Warum heißt es: an seinem Öl? Warum ist das besitzanzeigende Fürwort, das Possessivpronomen seinem, hier eines, das zu stören scheint?

Weil es sich von seinem Bezugswort so elendig weit entfernt postiert hat. Genauer: Das Bezugswort kann das erste Wort des dreigliedrigen Kompositums ¹Kürbis-²krem-³süppchen sein, das Possessiv steht beinahe am anderen Ende der (Nahrungs-)Kette. Und wer regiert nun seinem? Das Püppchen – das Brot?

Der Kürbis gar? Kürbis, männlich, Brot, männlich – beides könnte das Bezugswort sein. Es liegt sogar nahe, dass sich das maskuline seinem auf das am nächsten postierte Maskulinum bezieht, also auf Brot. Ergäbe aber wenig Sinn, Öl aus dem Brot zu lösen. Natürlich meint der Cross(!)tini-Koch das Kürbiskern-Öl, das er zum Finale über das Süppchen tropft.

Und siehe da: Das seinem ist richtig, wenn auch sehr experimentell gesetzt. Ein Bezugswort als erstes Wort eines eher abständigen Dreier-Kompositums, heißa! Wer hätte das gedacht nach all den Patzern aus der Küche …
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Non scholae … Unterm Strich was fürs Leben
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In Übernahmen aus fremden Sprachen erfolgt die Groß- und Kleinschreibung nach deutschen Vorgaben. Die deutsche Übersetzung Mus aus Schokolade trägt zwei Nomen, das Mus und die Schokolade. Folglich schreiben wir sowohl Mousse als auch Chocolat groß. Anders bei der gekochten Sahne, der Panna cotta oder Pannacotta. Die Penne all‘ arrabiata kommen nicht aus Arabien, sondern sind jene Pasta, die auf eine feurige, brennende, zornige (arrabiata) Art gewürzt wird. Das Prinzip ist eigentlich simpel: Man muss nur wissen, was die ausländischen Speisen übersetzt heißen – zubereiten müssen wir sie ja nicht. Dafür haben wir Köche – ohne Duden in der Küche.

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