Kongruenz hat seinen Preis

Was sie links sehen, ist ein Ausschnitt aus der iPhone-Applikation von bild.de. Die Zeitung berichtet über einen Fall mutmaßlicher Vergewaltigung in Berlin. Im Bild sieht man einen der mutmaßlichen Täter, der von einer Überwachungskamera in der U-Bahn aufgenommen wurde.

Die Kollegen beschreiben das Bild. Sie sagen, dass dieser Mann im Verdacht stehe, die junge Frau zusammen mit einem Komplizen vergewaltigt zu haben. Ich zitiere: Dieser Mann und sein Bekannter stehen im Verdacht, gerade eine Frau (21) vergewaltigt zu haben. Um dann fortzufahren: Jetzt sucht sie die Berliner Polizei.

Puuhhh, wäre das Verbrechen nicht so fürchterlich, neigte ich dazu, über den zweiten Satz zu spaßen. Rein sprachlich korrekt genommen sucht die Polizei demnach die junge Frau, denn das Demonstrativpronomen, das hinweisende Fürwort, … sie … bezieht sich auf das nächstliegende Wort, das von der Kongruenz* her – der Übereinstimmung von Geschlecht und Anzahl – passt; und das ist nun mal … die junge Frau (21).

Erst der weitere Text klärt, dass die junge Frau sich schon bei der Polizei gemeldet hat. Gefahndet wird nach den Tätern, die sich – um den kriminalistischen Teil der Causa abzuschließen – gestern der Polizei gestellt haben.

Da ich zu bequem bin, mir nun einige signifikante Kongruenz-Fehler aus den Fingern zu saugen, hier ein Beispiel, das Bastian Sick anführt: Qualität hat seinen Preis. Alles klar? Nein?

Also, die Qualität, das Bezugswort für das besitzanzeigende Fürwort vor Preis ist weiblich. Folglich muss es … hat ihren Preis … heißen. Aber: Alles hat seinen Preis …, weil man bei dem unbestimmten Wort – dem Indefinitpronomen alles – den Akkusativ des Maskulinums im Singular von seiner kongruent einsetzt. Herrschaftszeiten, das ist aber auch schwer!

Noch ein Beispiel? Abermals Sick: Im anderen Abteil saß ein rothaariges Mädchen mit einer knallbunten Reisetasche. Ich grüßte kurz und setzte mich neben sie. Wo saß der junge Herr dann? Neben der Reisetasche, aber mit Blick auf die roten Haare des Mädchens …

Dieses stammt nicht von Sick …. heißa, und nun habe ich doch einen eigenen Patzer kreiiert. Sie lasen eben: Dieses (Mädchen) stammt nicht von Sick. Der Bezug des Demonstrativpronomens dieses ist in der Kongruenz das Mädchen aus dem letzten Satz. Also noch einmal …

Dieses Beispiel (so wird es klarer) stammt nicht von Sick, sondern von der Seite suite 101.de: Die Mannschaft war in Bestform und man muss sagen, sie haben verdient gewonnen. Nun, auch wenn die Mannschaft aus elf Spielern besteht, ist das Wort doch ein singulares. Es muss also heißen: … sie hat verdient gewonnen …

Und natürlich habe ich die Überschrift absichtlich falsch geschrieben. Nun wissen Sie, warum sie falsch ist.
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Non scholae … Unterm Strich was fürs Leben

* Schauen Sie sich doch den Satz mit dem Verweispünktchen noch einmal an: … das persönliche Fürwort, … sie … bezieht sich auf das nächstliegende Wort, das von der Kongruenz* her – der Übereinstimmung von Geschlecht und Anzahl – passt …  Auch hier gibt es eine Kongruenz: Der Einschub in der Parenthese bezieht sich auf das Wort Kongruenz zwei Wörter vorher. Folglich muss die nähere Bestimmung des Begriffs Kongruenz übereinstimmen mit dem Bezugswort in Geschlecht, Fall und Zahl: … das von der Kongruenz (Dativ Singular) her – der Übereinstimmung (Dativ Singular) … 

Es geht aber auch so, wie es Dudens wunderbares Werk Richtiges und Gutes Deutsch erklärt: Unter grammatischer Kongruenz versteht man die grammatisch-formale Abstimmung von Satzgliedern oder zusammengehörenden Teilen von Satzgliedern. Mit »Abstimmung« ist gemeint, dass sich eine grammatische Kategorie des einen Ausdrucks mit der grammatischen Kategorie des anderen ändert. So steht das Subjekt im Satz Die Frau singt im Singular und ebenso das finite Verb. Setzt man das Subjekt in den Plural, so muss das Verb dem folgen: Die Frauen singen, und man sagt, Subjekt und finites Verb kongruieren im Numerus. Kongruenz ist ein Mittel, mit dem syntaktische Beziehungen gekennzeichnet werden. Schwankungen bei dieser formalen Abstimmung ergeben sich ‒ auch in der Standardsprache ‒ häufig dann, wenn Formen nicht nur nach grammatischen Gesichtspunkten, sondern auch nach der Bedeutung gebildet werden (sog. Synesis [nach griech. katà sýnesin »dem Sinne nach«] oder lat. constructio ad sensum [»Konstruktion nach dem Sinn«]). Die Kongruenz zeigt sich im Numerus, in der Person, im Genus und im Kasus.

 

2 Kommentare zu "Kongruenz hat seinen Preis"

  1. Holger Jentgen | 22. Juli 2013 um 16:44 | Antworten

    Guten Tag,

    eigentlich will ich ja nicht mäkeln, ignoriere meinen Willen aber und nehme Bezug auf:

    „Noch ein Beispiel? Abermals Sick: Im anderen Abteil saß ein rothaariges Mädchen mit einer knallbunten Reisetasche. Ich grüßte kurz und setzte mich neben sie. Wo saß der junge Herr dann? Neben der Reisetasche, aber mit Blick auf die roten Haare des Mädchens …

    Dieses stammt nicht von Sick …. heißa, und nun habe ich doch einen eigenen Patzer kreiiert. Sie lasen eben: Dieses (Mädchen) stammt nicht von Sick. Der Bezug des Demonstrativpronomens dieses ist in der Kongruenz das Mädchen aus dem letzten Satz. Also noch einmal …§

    Nun bin ich der deutschen Sprache nur so weit mächtig, als meine Mutter sie mich lehrte. Das mag vielleicht fehlerhaft gewesen sein. Außerdem habe ich mit den Jahren so vieles vergessen, dass mancher aus dem Vergessenen eine gesunde Halbbildung machen könnte (die andere Hälfte habe ich noch).

    In meinem Deutsch hätte es geheißen „Ich grüßte kurz und setzte mich neben es.“
    Nur, so spricht heute wohl niemand mehr. Wem soll ich mich nun anpassen? Der Umgangssprache, gewissermaßen dem Gruppendruck?

    Wenn ich konzentriert bin und dran denke, bleibe ich beim Muttersprachlichen.
    Aber manchmal überkommt es mich und ich werde sprachlich zum Bestandteil der Masse. Auch nicht schlimm.

    Freundliche Grüße,

    Holger Jentgen

    P.S. Die zackig-rote Unterlinierung unter „kreiiert“ stammt nicht von mir, Da hat wohl ein Rechtschreibprogramm gemäkelt. Lässt man ein i weg und schreibt „kreiert“, ist man die Mäkellinie los.

    • Herr Jentgen, danke für die ausführlichen Anmerkungen. Sie haben das gut erkannt. Und: Ich rate Ihnen, bei Ihrer Betrachtung zu bleiben, auch wenn Dudens Richtiges und gutes Deutsch anderer Meinung ist. Ich empfinde Ihre Art als die charmantere …

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