Ein wenig Grammatik: Präteritum

Immer wenn Herr Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch (Bild©commons, Wikipedia) da auftaucht, wird es trocken. Manchmal muss das sein. Grammatik also.

Über den Mut zum Präteritum. Wir sprechen. Wir erzählen. Wir berichten. Wir legen dar, was passiert ist. Wir berichten von etwas Abgeschlossenem, etwas Vollendetem. Die Konjugationsform hierzu heißt Präteritum – und eben nicht: Imperfekt, weil es ja, wenn man so will, perfekt ist, schlußausvorbei, fertig, basta! Und nicht unperfekt.

Wenn ein Satz mit gestern ... beginnt, sollte man schon sehr genau hinhorchen. Meist ist abgeschlossen, was gestern war. Ich saß mit den Jungs — ich schrie die Kellnerin an — ich bat dafür um Entschuldigung — ich nahm ein Taxi, statt: Bin da gesessen, hab die Kellnerin angeschrien, mich bei ihr entschuldigt und dann ein Taxi genommen.

Das Perfekt (für Leute, die die Schule vor 25 Jahren verlassen haben, zur Auffrischung: ich habe gegessen, ich habe gesehen) hat sich heute als Verbform bei Erzählungen durchgesetzt – aus Gründen der Bequemlichkeit, weil sich die Perfektformen leichter bilden lassen.

Und dann habe ich gemeißelt und die Mauer niedergemacht. Falsch! Der Meißel ruht nicht mehr in der Hand, die Mauer steht nicht mehr. Meißelte ich, muss es also heißen, und da meißeln ein schwaches Verb ist, steht -te als Kennzeichen für das Präteritum völlig korrekt da. Auch wenn sich, nach allgemeinem Sprachgefühl, der Satz vielleicht geschwollen anhört – richtig ist er: Und dann meißelte ich und machte die Mauer nieder. Punkt.

Wer so spricht, fällt auf. Die Zuhörer wundern sich über den starken Einsatz des schwachen Verbs meißeln – und horchen auf. Richtig zu sprechen, Sprache klar einzusetzen, sich abzuheben von dem, was falsch ist, macht vielleicht ein wenig einsam, aber es läßt aufhorchen.

Um wieviel deutlicher hebt man sich dann ab, wenn man die Präteritumsformen starker Verben richtig einsetzt: Den Kuchen, den er buk, werden wir nie essen. Das Präteritum von backen: buk, bukst, bukt, buken. Vollkommen korrekt. Starker Satz. Auffällig und richtig, also auffällig richtig!

Weitere starke Verben: reißen – riß; stieben – stob; saufen – soff; schwimmen – schwamm, gebären – gebar, hängen – hing (aber: [jemanden auf]hängen – er hängte ihn); speisen – spies (wobei man wohl «speiste» vorzieht); zeihen – zieh (er zieh ihn der Falschaussage); verschleißen – verschliß; meiden – mied; gären – gor; glimmen – glomm; saugen – sog; sieden – sott – um nur einige starke Verben mit starken Präteritum zu nennen. Eine Liste solcher Verben gibt es bei Wiki.

Diese Beispiele machen aber auch deutlich, warum das Präteritum verblasst – ist halt komplizierter: Sie hat ein Kind geboren ist leichter als Sie gebar ein Kind —– Er hat die ganze Nacht gesoffen ist schneller gesagt als das kurze Er soff die ganze Nacht.

Es geht nur darum, den Mut zu haben zum Präteritum. Und sich die Mühe zu machen.

 

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