Der eineiige Zwilling des Verbots

140624_OrpheeLesen Sie doch bitte einmal, wie überaus höflich die Mannen des Hotel Orphée in Regensburg den Süchtigen klarmachen, dass sie nicht einmal am offenen Fenster rauchen sollten. Das hat Stil. Da wird Druck aufgebaut. Da glaubt jeder, dass die Herren dieses alten Gebäudes – übrigens: ein wunderbares Hotel, meine Empfehlung! – im Verein mit der Feuerwehr die Rauchmelder so scharfgestellt haben, dass schon der Atem eines Rauchers Großalarm auslöst.

Fußnötchen: Nichts also für den berühmtesten Raucher der Nation; der Bundespräsident hat sich indes zum Kirchentag im Juni hier verewigt. Ist der Nichtraucher?

Nehmen wir ernst, was die Hotelbetreiber da schreiben und schauen wir genauer hin: Was verstehen wir nicht am Wort Verbot? Jemand verbietet etwas. Etwas ist bei Strafe verboten. Es ist verboten, Kinder zu schlagen. Es ist verboten, Menschen zu töten. Etwas geht gar nicht. Der Eigentümer will etwas nicht. Er droht sogar an, dass Zuwiderhandlungen geahndet werden. Ich möchte keinen Feuerwehreinsatz in der engen Innenstadt von Regensburg bezahlen – ein Kleinod übrigens, meine Empfehlung! Selten so etwas Schönes gesehen. Noch möchte ich verantworten, dass ein Teil der Pracht abbrennt.

Ich habe das Verbot verstanden. Ich benötige kein absolut. Mehr noch: Das absolut, das kleine Adjektiv zum Verbot, ist absolut(!) überflüssig. Das absolut, das mit dem Nomen Verbot ausgeliefert wird als sei es dessen eineiiger Bruder … dieses Wörtchen ist ein Pleonasmus. Unnütz wie ein Kropf! Im Wort Verbot steckt absolut tief und untrennbar drin.

Und nein, Sie Bedenkenträger. Das absolut macht das Wort Verbot nicht stärker. Lesen Sie bitte einmal, was Ludwig Reines in seiner Stilfibel 1951 auf Seite 136 geschrieben hat: Setzen Sie Eigenschaftswörter nur, wenn sie etwas Neues hinzufügen, was der Leser wissen muss. Dies leisten nur die aussondernden Eigenschaftswörter und diejenigen, die eine charakteristische Eigenschaft hervorheben, dagegen nie Beiwörter allgemeiner Natur. Ahhhh, die aussondernden Eigenschaftswörter, die sind es. Danke, Herr Reinders! Mehr als 60 Jahre alt, also: das Werk, nicht der Mann, und der Mann hat Recht.

Das reicht Ihnen nicht? Dann ertragen Sie mein zweites Lieblingszitat zu Adjektiven: Man gebe den Hauptwörtern den Rachen frei und erlaube ihnen, Eigenschaftswörter zu verschlingen. Das schrieb 1940 Wilhelm Emanuel Süskind, ein Großer der Zunft, und ja, Vater von Patrick Süskind. Auf dass Verbot ein für alle mal das Wort absolut verschlinge, bitte! Und nie wieder freigebe!

Muss ich deutlicher werden? Sie lesen beim Besuch einer Munitionsfabrik: … es herrscht Rauchverbot … Niemand raucht. Oh, doch, da hinten in der Ecke, da raucht Heinz Klabauke noch. Wir fragen ihn, warum er noch raucht. Er sagt: Hier herrscht nur Rauchverbot, kein absolutes …

Es ist absolut nicht verboten, Herrn Klabauke jetzt zu hauen? Tun Sie es. Sie dürfen es.

Und zum Abschluss werfen Sie bitte einen Blick auf das untere Ende des Schildchens: Smoking is forbidden. Reines Englisch. Kurz und knapp! Herrlich! In diesen drei Wörtchen ist alles drin …

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