Sparchsnöden, Folge II: Das Purpurne pur

Schreiber und Sprecher machen Fehler, und wer hier welche findet, darf sie behalten. Es gibt indes Fehler, die immer wieder vorkommen. Auf diese dicken Hunde geht diese Serie ein, in loser Reihenfolge, also: immer, wenn mir danach ist, mal wieder den Herrn Besserwiss zu geben, den vermeintlich unfehlbaren.

Wer sich heute freut, strahlt aus: Freude. Und wie ist die immer? Pur. Heißa! Freude pur! Da freut sich das Wort pur, dass es nach Hunderten von Jahren noch mal zweierlei bekommen hat: (1) eine neue Bedeutung – und (2) einen neuen Platz in der Syntax, der Satzlehre.

(1) Die neue Bedeutung darf man dem Wörtchen nicht verübeln. Im 14. Jahrhundert, aus dem Lateinischen kommend, standen das Adjektiv purus für rein und das Verb purare für reinigen. Im Sinne von (nicht nur körperlich) sauber, sondern auch von reinem Gold. Den Puritanismus haben wir heute noch, aber auch das Purgativ, das Abführmittel, und – ja, auch das: – das pürierte Püree. Und die reine Farbe Purpur. Mein 1927er Duden übrigens deutet pur noch ausschließlich als rein, unvermischt. Ist alles in Ordnung; Sprache muss sich wandeln – und die Zeit lädt Wörtern neue Bedeutungen auf.

(2) Nicht in Ordnung, sondern tiefgrottenfalschest ist indes die Stellung des Worts als ein dem Hauptwort nachgestelltes Adjektiv. Freude pur. Schauen wir doch mal genauer hin: Wir haben ein Nomen (Freude), und wir haben gelernt, dass man ein Adjektiv …
(a) dem Nomen voranstellt …
und es (b) mit dem Nomen beugt.
Beispiele gefällig? Das gute Buch – das nette Blog – die folgenreichen Belehrungen – der üble Besserwisser – die unterhaltsame Lektüre. Sie zeigen immer ein Adjektiv, also: gebeugt, und ein Nomen, das die Beugung vorgibt. Und was macht dann Freude pur? Es verkehrt die Syntax. Erst das Nomen Freude, dann das Adjektiv. Und wie kommt uns das Adjektiv entgegen? Herrschaftszeiten, es kommt ungebeugt.

Das Adjektiv versteckt sich hinter dem Nomen und tut damit so, als sei es ein Adverb, ein gerissenes Tarnmantel-Adverb. Das nachgestellte Adjektiv ist zu feige, um sich vor das Nomen zu stellen und zu hartnäckig, um sich dann auch noch beugen zu lassen. Das ist nicht schick, das ist nur Syntax falsch.

Übrigens: Er trank seine Apfelsaftschorle pur. Das ist vollkommen richtig. Denn hier kommt pur nicht als Tarnmantel-Adverb, sondern als pures Adverb – als zum Verb (Lateinisch: ad-verbum!) trinken gehörig.

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Dies ist Folge II der Liste der Sprachsünden. Die anderen  finden Sie hier:

Das und dass X Seit und seid X Alternative

4 Kommentare zu "Sparchsnöden, Folge II: Das Purpurne pur"

  1. Sehr schön erklärt, danke.
    Anziehsachen find ich ehrlich gesagt immer noch befremdlich.
    Und übrigens: Schreib nicht so viel, Deutschmeister, Du hälst mich von meiner Arbeit am PC ab!!!
    Seid trotzdem gegrüßt (auch die Einzigste!)
    I.

  2. So that’s the case? Quite a rvetelaion that is.

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