Zug, stehst du noch oder reihst du schon?

Versetzen wir uns doch mal in den Geist einer Arbeitsgruppe bei der Bahn, Standort Berlin, Bahnhochhaus. Diese Arbeitsgruppe, allesamt Damen und Herren des Mittleren Dienstes, sind zuständig für jene Pläne, die an den Bahnhöfen anzeigen, wo welcher Wagen eines ICE, eines IC oder eines anderen Schnellzugs zum Stehen kommt, wenn er, beispielsweise, in den Bahnhof von Sauseshausen eingesaust war– auf Bahnsteigabschnitt A, B oder F? Fein, alles paletti-bahnetti!

Bis vor einiger Zeit hießen die überaus übersichtlichen und sinnvollen Pläne Wagenstandsanzeiger. Schönes Wort, mit S-Kupplung zur Anbindung des Tenders¹ Anzeiger; die Pläne zeigten den Stand eines Wagens. Ein deutsches Wort aus drei Nomen, Wagen – Stand – Anzeige.

Ein schönes Wort. Dudens Universalwörterbuch führt es. Es sagt dazu: … auf dem Bahnsteig ausgehängte grafische Darstellung der Reihenfolge der einzelnen Wagen eines Zuges, aus der die Reisenden ersehen können … und so weiter.

Diese Erklärung mit dem Wort Reihenfolge muss die Runde der Arbeitsgrüppler Bahn, Abteilung Wagenstandsanzeiger gelesen haben. Die Grüppler müssen diskutiert haben, so heftig, wie es nur Bahnler können, also leidenschaftlich mit viel Wasser und Säften, also sehr hart aber fair. Denn plötzlich, plötzlich fanden sie den Begriff Wagenstandsanzeiger nicht mehr passend. Sie wollen jetzt den unbedingt einen Wagenreihungsplan, unbedingt, ja, Wagenreihungsplan. Was sonst?

Auszug aus der Diskussion
Tamara-Marie Strunk-Hesse (34): Ich finde ja Wagenreihungsplan viel besser als Wagenstandsanzeiger. (Sie nippt am Espresso)
Hermann Perron (54, Gruppenleiter): Immer diese Neuerungen! Wir haben 48 Jahre mit dem Wagenstandsanzeiger gut gelebt. Nie kam jemand nicht an. Aber Reihung hat auch was … jaja. (Schaut sich seine gummibelederten Bequemschuhe an)
Hermine Gutgesell (22): Also, wenn ich nur an die Druckkosten denke, 376 Gleise, und alles zwei Mal. (Schaut sich ihre Präsenz bei Facebook an)
Tamara-Marie Strunk-Hesse: Papperlapapp, junges Gemüse!, alles viel schicker! Und der Herr Grube will das auch so, ganz bestimmt!
Hermann Perron (54, Gruppenleiter, lügt): Tamara, was der Herr Grube will, ist mir in diesem Zusammenhang einerlei. Bei mir liegt nur der Reisende in der Grube … ähhhh, am Herzen. Nur der!
Hermine Gutgesell (22): Na, also, was schließen wir daraus?
Hermann Perron (54, Gruppenleiter): Irgendwie ist das mit der Reihung schon klarer, rein sprachlich, meine ich jetzt. Und Anzeiger hört sich so nach Zeitung an, nach Generalanzeiger, hat dann so was Militärisches, und das wollen wir den Kunden … so Altdeutsch, das Wort, so als hätten wir keinen Plan, und herrschaftszeiten, es geht ja um die Reihung, nicht um den Anzeiger.

Und so kam das feine Wort Wagenreihungsplan auf und tröpfelte unbemerkt ins Leben von Bahnlern und Reisenden. Nicht, dass das Wort nicht angenehm sei. Aber es ist als Verdränger vom Wagenstandsanzeiger irgendwie mit einem Makel auf die Welt gekommen.

¹ Was ein Tender ist, liebe Damen und Jungvolk, lässt sich hier prima nachlesen. Einfach klicken.

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